„Eat-Art“ und „Staubzucht“ im Sprengel Museum Hannover

Eklig, aber beliebt

Dieter Roth: „Gewürzfenster“, 1971, Holz, Glas, Metall, Gewürze. ·Museum
+
Dieter Roth: „Gewürzfenster“, 1971, Holz, Glas, Metall, Gewürze. ·Museum

Hannover - Von Jörg WoratVor 100 Jahren hatte der französische Künstler Marcel Duchamp die Idee, drei Fäden von je einem Meter Länge zu Boden fallen zu lassen und sie anschließend in der so entstandenen Lage auf Leinwand zu fixieren. Ein ironisches Spiel mit der wissenschaftlichen Exaktheit – als Längenmaß sind die Fäden in dieser Form natürlich nicht mehr brauchbar.

Und ein frühes Beispiel für eine Arbeitsweise, die in der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts entscheidende Bedeutung gewonnen hat: die Einbeziehung des Unplanbaren. Diesem Phänomen widmet sich eine Ausstellung im Sprengel Museum Hannover mit dem vielsagenden Titel „Purer Zufall. Unvorhersehbares von Marcel Duchamp bis Gerhard Richter“.

Die Schau ist in Werkgruppen und thematische Blöcke gegliedert. So kreist der erste Raum um Arbeiten, die mit dem Blick auf den Boden zu tun haben, also nicht mit dem vom Künstler üblicherweise erwarteten nach vorne. Von Duchamp gibt es etwa neben einer Mini-Reproduktion der legendären Fäden unter anderem die Fotografie einer „Staubzucht“ auf einer Glasplatte zu sehen, auch Hannovers „MERZ“-Künstler Kurt Schwitters ist hier vertreten. Pflegte der doch etliche Bestandteile seiner Collagen vom Fahrschein bis zur Glasscherbe aus dem Rinnstein aufzuklauben, während die bis auf den Zuschnitt unveränderte Darbietung von typographischem Ausschuss einer Druckerei die Serie der sogenannten „i-Zeichnungen“ bildet.

Hans Arp wiederum ließ Papierfetzen nach dem Zufallsprinzip herabrieseln, um seine organisch anmutenden Arbeiten zu schaffen. Und der Surrealist Max Ernst beschrieb einst, wie ihn der Blick auf die Maserung von Holzdielen dazu inspirierte, diese Strukturen mit einem Stift durchzureiben und als Ausgangspunkt für seine irritierenden bis verstörenden Kompositionen zu nutzen.

Werke von Ernst finden sich auch im abschließenden Raum, der dem Thema „Farbe“ gewidmet ist. Die hier gezeigten Bilder des Künstlers sind Décalcomanien, bei denen dünnflüssige Farbe mit einer Glasplatte abgezogen wird. Dadurch entstehen Zufallsstrukturen, die Ernst in landschaftliche Darstellungen umgewandelt hat. In diesem Raum ist zudem Starkünstler Gerhard Richter vertreten, der gern mit Spachtel, Latte oder Rakel über die noch nicht verfestigte Farbe streicht und natürlich auch nie genau wissen kann, was bei diesen Prozessen herauskommt.

Etwas delikat ist der Raum mit der „Eat-Art“ von Daniel Spoerri und Dieter Roth, bei der Lebensmittel eine Rolle spielen. „Spoerri versucht eher, einen bestimmten Zustand festzuhalten, während Roth seine Arbeiten der weiteren Veränderung preisgibt“, differenziert Kuratorin Annerose Rist. Klingt ein bisschen eklig? Roths „Gewürzfenster“ jedenfalls ist beim Publikum durchaus beliebt, zumal die Gewürze trotz des Entstehungsjahrs 1971 immer noch angenehme Gerüche verbreiten.

Das Thema „Zufallsgeneratoren“ wird in einem vierten Raum behandelt. John Cage pflegte die Elemente seiner Darstellungen durch Münzwürfe nach den Vorgaben des chinesischen Orakelbuchs „I Ging“ zu bestimmen, auch Gerhard Richter loste zuweilen die Anordnungen seiner Farbfelder aus, zuletzt mit Hilfe eines Computers. Dabei gilt es indes zu bedenken, dass der so genannte „Zufallsgenerator“ auf Programmierung durch Menschenhand beruht, wie überhaupt der Zufall in der Kunst niemals wirklich pur sein kann – allein durch die Auswahl eines Materials, einer Struktur, einer Farbe trifft der Künstler ja schon eine bewusste Entscheidung, ganz unabhängig davon, was später aus dieser Grundidee wird.

Und inwieweit etwa Duchamp bei der Anordnung seiner Fäden nicht vielleicht doch eingegriffen haben, bleibt offen. Kuratorin Rist ist all das natürlich voll bewusst: „Für mich gehört es bei diesem Thema dazu, dass sich der Besucher auch darüber Gedanken macht, wo der Künstler den Zufall vielleicht wieder entzufälligt hat.“

Die Ausstellung bis zum 15. September im Sprengel Museum, Kurt-Schwitters-Platz, Hannover. Geöffnet: Dienstag 10-20 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 10-18 Uhr.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Bob- und Rodelbahn am Königssee schwer beschädigt

Bob- und Rodelbahn am Königssee schwer beschädigt

Meistgelesene Artikel

Marcus Wiebusch präsentiert Kurzfilm zu "Der Tag wird kommen"

Marcus Wiebusch präsentiert Kurzfilm zu "Der Tag wird kommen"

Marcus Wiebusch präsentiert Kurzfilm zu "Der Tag wird kommen"

Kommentare