„Von der Landschaft gezeichnet“: Otto Pankok im Horst-Janssen-Museum

Einsam und einfach

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Otto Pankok: Stövers Lin, 1913. Kohlezeichnung. ·

Von Rainer BeßlingOLDENBURG · „Endlich allein. Es begann ein herrliches Jahr in einem oldenburgischen Dorf in ungeheurer Einsamkeit, ein Schwelgen in Kohle und Papier, ein Suchen nach dem Wesen des Menschlichen“, bilanzierte Otto Pankok seinen Aufenthalt im Jahr 1913 im beschaulichen Dötlingen.

Zwei kurze Anläufe zu einer akademischen Ausbildung hatte der 20-Jährige vor seinem Rückzug aufs Land unternommen. Bewusst war die Wahl auf Düsseldorf und anschließend Weimar gefallen, auf Akademien, die einen glänzenden Ruf als Unterrichtsstätten für Landschaftsmaler genossen. Denn das wusste der Arzt-Sohn bereits früh: Die Natur und der Mensch sollten seine bevorzugten Sujets sein. Er blieb ihnen treu. In einer offenbar gegenbürgerlichen Haltung, die in die Zeitströmung der Zivilisationskritik zu Anfang des 20. Jahrhunderts passte, trieb es den Arztsohn zum Einfachen und vermeintlich Ursprünglichen. Eigensinn und Konzentration auf seine künstlerischen Anliegen konnte er sich leisten. Bei familiär bedingt bester finanzieller Versorgung musste er sich um einen Verkauf seiner Werke nicht vorrangig kümmern.

Das Horst-Janssen-Museum in Oldenburg erinnert mit einer Schau unter dem Titel „Von der Landschaft gezeichnet“ an den Aufenthalt Pankoks in Dötlingen und präsentiert dessen künstlerischen Ertrag des Jahres 1913: Häufig großformatige Kohlezeichnungen, die im Stil der Realisten des 19. Jahrhunderts das Personal des dörflichen Lebens, Szenen aus der Landwirtschaft und Landschaft, häufig als malerisch-grafisches Ereignis gesehen, zeigen.

Der Ausstellungsort passt in vielerlei Hinsicht: Die Kunstinteressierten der Residenzstadt beobachteten seit 1900 aufmerksam die Künstlerkolonie in Dötlingen. Das Janssen-Museum liegt gegenüber dem Lappan, der einstigen Kunsthandlung Oncken, in der die erste Ausstellung Pankoks stattfand. Auch der Grafik-Schwerpunkt des Museums legt eine solche Präsentation nahe. Die frühen Kohlezeichnungen stellen nicht nur einen singulären Komplex im Werk Pankoks dar, sie sind in Format und malerischer Anmutung, in atmosphärischer Dichte mit nur wenigen anderen grafischen Positionen vergleichbar. Schließlich treffen sich Horst Janssen und Otto Pankok in der Ausstellung als Porträtisten. In rund 50 Bildnissen greift der lange als Presse-Zeichner beschäftigte Pankok auf dieselben Protagonisten wie Janssen zu.

Um am Ende des Ausstellungsrundgangs zu beginnen: Hier hängen nebeneinander Janssen- und Pankok-Porträts von künstlerischer, intellektueller Prominenz wie Friedrich Hölderlin, Jean Paul, Franz Schubert. E.T.A. Hoffmann oder Friedrich Nietzsche. Die Unterschiede sind deutlich: Pankok neigt in seiner Erkundung des Wesenhaften einer Person zur Überzeichnung, die häufig Züge einer Karikatur annimmt.

Eher in ungeschminkter Natürlichkeit porträtiert er die ländliche Bevölkerung Dötlingens: eine strickende Frau, eine Kartoffelschälerin, eine „Lesende“, „Alte Männer“, eine „Magd am Sonntag“, bei der ein Hut sowohl in der Größe als auch in seiner Schmuckfunktion nicht so recht zu dem von Arbeit und Alter gezeichneten Gesicht passen will. Einfache Verrichtungen, in sich ruhende Menschen, eine stille Selbstverständlichkeit, unaufgeregt, ungekünstelt. Pankok greift auf, was von seinen Dötlinger Künstlerkollegen weniger beachtet wurde. Seine Interesse für Menschen am Rande der Gesellschaft spiegelt sich auch in einer Serie über Sinti, entstanden zwischen 1931 und 1949, die dem Künstler den Stempel „Entartet“ eintrug. Neben der Empathie für Ausgegrenzte schwingt aber auch eine gewisse Verklärung des Landlebens mit.

Kompositorisch hat Jean-François Millet Pankok sichtlich inspiriert. Der gleichfalls verehrte van Gogh wirkt vor allem in der Linienführung bei den Landschaften nach. Ein gewundener Baum, ornamentale Grasbündel – hier deutet sich eine Formauffassung an, die der Künstler später, der Gruppe „Das Junge Rheinland“ zugehörig, noch verstärken wird.

Einen Ausblick auf diese Bildsprache unternimmt die Ausstellung mit Landschaftsdarstellungen. Sie verdeutlichen, warum eine stilistische Einordnung Pankoks schwerfällt. Ein expressionistischer Duktus und Dekoratives fließen zusammen.

Kuratorin Birgit Denizel ist eine glänzende Präsentation des Starts einer eigenwilligen Künstlerpersönlichkeit gelungen. Sie unterstreicht die Besonderheit einer kurzen Werkepoche und schlägt Brücken zu späteren Schaffensphasen. Und sie dokumentiert ein Kapitel regionaler Kunstgeschichte.

Horst-Janssen-Museum, Oldenburg, 17. März bis 26. Mai.

Di-So 10-18 Uhr.

Eintritt: 3,50 Euro. Katalog.

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