Theater Bremen eröffnet neue Spielzeit mit William Shakespeares „Was ihr wollt“ und Bierflaschen in Badehosen

Auf einmal spürt man nichts als Zeit

Orsino (Siegfried W. Maschek) und Viola (Varia Linnéa Sjöström) haben sich gern.

Von Johannes BruggaierBREMEN (Eig. Ber.) · Etwa eineinhalb Stunden sind vorbei, da singt Hofnarr Feste von den intimsten Wünschen vieler Zuschauer: „Wir wollen nach Hause geh‘n, wir wollen nach Hause geh‘n, wir wollen direkt, direkt nach Hause geh‘n.“ Nach der Pause dieser Saison-Eröffnung am Theater Bremen sind die Reihen gelichtet.

Robert Schusters Inszenierung der Shakespeare-Komödie „Was ihr wollt“ ist einer der Fälle, die am nächsten Morgen zur Internet-Recherche verführen: auf der Suche nach Erklärungen für das, was da zu sehen war. Nach Erklärungen etwa für die erbärmlich schwachen Dialoge der Nebenfiguren, die sich im Großen und Ganzen auf die Wendungen „Arsch“, „selber Arsch“ und „Mann, was für‘n Arsch“ reduzieren lassen. Vielleicht liegt es daran, dass man ihre Übersetzungsarbeit in die Hände eines Berliner „Autors und Cartoonisten“ gegeben hat, zu dem Google – großzügig gezählt – sage und schreibe sieben Einträge ausspuckt. Und ja, daraus lassen sich sehr wohl Schlüsse ziehen, angesichts des sprachlichen Niveaus.

Wo anfangen, wo aufhören mit der Beschreibung des Gesehenen und Gehörten? Im Zweifel nüchtern chronologisch, was bedeutet: mit dem Eingangssong. Da klampft der rothaarige Feste (Irene Kleinschmidt) in die E-Gitarre, Valentin (Sebastian Martin) bedient als Transvestit im blauen Abendkleid den Bass, während ein nackter Antonio (Martin Baum), sich verschämt in ein albernes Buschgestell verkriecht und Trommeln schlägt. Das alles findet statt vor einem Guckkasten (Bühne: Jens Kilian), der sich aus mehreren weißen Rahmen zusammensetzt. Letzteres ist insofern von Bedeutung, als diese Rahmen durch ruckartiges Verschieben oder auch vertikales Drehen die Protagonisten mitunter zur Verzweiflung treiben. Dass damit wieder mal, Gruß an Hamlet, Zeit und Welt aus den Fugen geraten sein sollen, steht als plakative Absicht zu befürchten.

Kaum ist der Gitarrenlärm verklungen, macht sich Viola (Varia Linnéa Sjöström) nackig, um sich das Brusttoupet des coolen Kapitäns (Glenn Goltz) an ihren Busen zu heften. Auf diese Weise vermännlicht, dient sie sich dem Herzog Orsino an (Siegfried W. Maschek). Der ist die Karikatur eines Adeligen, trägt beringte Handschuhe, Lederstiefel und einen rotbraunen Mantel über der Strumpfhose, unter welcher sich, haha!, ein riesiges Gemächt abzeichnet. Viola, die jetzt Cesario heißt, gewinnt die Sympathien des Herzogs – weniger wegen ihres treuherzigen Charakters als wegen ihrer Bereitschaft, in der Funktion einer Liebesbotin seine Schwärmerei zu befördern. Dumm nur, dass die Adressatin dieser Liebe, die Gräfin Olivia (Gabriele Möller-Lukasz), in ihrer eigenen, ganz selbstbezogenen Schwärmerei befangen ist. Auch sie verfällt der Viola-Cesario-Gestalt – weniger wegen deren treuherzigen Charakters als wegen der Schmeicheleien, welche die Schwärmerei der Gräfin befördern.

Der eine liebt die Liebe, die andere sich selbst, bloß andere Menschen liebt niemand: All das hat viel mit der gegenwärtigen Medienkultur zu tun. Doch was der Startschuss für eine umfassende Reflexion unserer Gesellschaft sein könnte, ist bei Schuster offenbar schon die Zielgerade. Ein paar Popsongs hier, einige billige Comedy-Einlagen dort: Fertig ist das Bild einer narzisstischen Bohlen-Barth-Konsumgesellschaft. Einzig Malvolio, von Guido Gallmann als verklemmt-konservativer Organist im Strickpullover interpretiert, fordert Werte ein, macht sich am Ende gleichwohl selbst zum Affen: Was folgt daraus?

Der Mantel des Schweigens ist zu werfen über all die Heiterkeiten der allerschlichtesten Sorte; etwa über einen Sir Toby Rülps (Jan Byl), der als Atze-Schröder-Parodie sich mal einen Tischtennisschläger, mal eine Bierflasche in die Badehose steckt. Am Ende trällert der Priester (Gerhard Palder) im Dunkeln „Wenn ich ein Vöglein wär“, und Toby Rülps spielt mit Maria (Eva Gosciejewicz) Ping-Pong: Nach Sinn und Zweck darf man fragen, muss es aber nicht.

Dass Varia Linnéa Sjöström in dieser Feier der selbstempfundenen Lustigkeit aus ihrer Figur noch so etwas Tiefgründiges wie Liebessehnsucht entwickeln kann, ist beachtlich. Und Guido Gallmann ist zu bescheinigen, dass er die vom Regisseur augenscheinlich eingeforderte Klischeehaftigkeit seiner Rolle zumindest ungekünstelt umsetzt. Eva Gosciejewicz hingegen stellt mit ihrer affektiert hysterischen Maria die Nerven des Publikums schwer auf die Probe. Frei von Schuld, der ärmste Mann des sich drei Stunden hinschleppenden Abends: Timo Lampka, der Violas Zwillingsbruder Sebastian nicht spielen darf, sondern sich auf stumpf roboterhafte Impulse zu beschränken hat.

Zum Neustart des Bremer Theaters nach der Intendanz Hans-Joachim Frey hat das Leitungsteam ein Zitat aus dem „Rosenkavalier“ bemüht. Die Zeit, heißt es da, sei ein sonderbares Ding: „Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts. Aber dann auf einmal, da spürt man nichts als sie.“ Die erste Premiere bestätigt es eindrucksvoll.

Weitere Vorstellungen: morgen und am 12. September, jeweils um 18 Uhr, am 18. und 25. September jeweils um 19.30 Uhr.

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