„Der Stand der Dinge“: Tisch-Kultur im Bremer Wilhelm-Wagenfeld-Haus

Im Einklang mit dem Alltag

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Die Fotografin Tanja Jürgensen überreichte Bremern für eine Fotostrecke Exponate aus der Design-Schau „Der Stand der Dinge“. Die spontane Handhabung spiegelt die Charakteristik des Produkts, wie bei dieser Kanne von Ruth Gurvich. ·

Bremen - Von Rainer Beßling. Die Esskultur hat sich verändert. Dass die Familie zusammen am Tisch sitzt, ist eher die Ausnahme. Mahlzeiten werden meist einsam im Stehen, vor dem Computer oder auf der Couch eingenommen.

In der Horizontalen vor dem Fernseher muss eine Hand für die Fernbedienung freibleiben. So entwickelte die Designerin Ineke Hans eine Suppenschüssel mit praktischer Ablagemöglichkeit für den Löffel.

Insgesamt richtet die Niederländerin ihre Gestaltungslösungen an den Erfordernissen des heutigen Alltags und den sich immer rascher wandelnden Lebensgewohnheiten aus, wie eine Tischvitrine im Bremer Wilhelm-Wagenfeld-Haus zeigt. Neben der Funktionalität ihrer Werkstücke treibt die Gestalterin das Experiment mit neuen Materialien und Herstellungsverfahren um. Ihrem schwarzen Porzellan mit rauer Oberfläche und ofenrohrartigen Formen ist der Schwierigkeitsgrad der Fertigung nicht unbedingt anzusehen. Der Stoff-Kundige wird es zu würdigen wissen. Die Originalität dürfte sich auch einem breiteren Publikum vermitteln.

Mit Nutzerorientierung und schöpferischem Potenzial ist Ineke Hans auf den Spuren des Hauspatrons Wilhelm Wagenfeld unterwegs. Mit dem Bremer Gestaltungs-Pionier und zwei Klassikern der Design-Moderne, den Finnen Tapio Wirkkela und Timo Sarpaneva, als Referenzpositionen haben die Gastkuratoren Jakob Gebert und Hanna Krüger eine informative, anregende und hochästhetische Schau mit Tafelgeschirr und Besteck, Gießgefäßen und Vasen arrangiert. Unter dem Titel „Der Stand der Dinge“ geht die Ausstellung unter anderem der Frage nach, ob und wie Gestalter in einer globalisierten Welt noch Anspruch und eigene Handschrift bewahren können. Gefragt wird auch, ob Qualitätsbewusstsein und formale Innovationen noch einen Platz im industriellen Fertigungsprozess haben oder ob die Gestalter gezwungen sind, ihre Produkte auf eigenen Vertriebswegen und Nischenmärkten an den geneigten Käufer zu bringen.

Die Schau vermittelt, dass sowohl in der Massenproduktion wie auch im Gestalter-Shop noch genügend Raum für anspruchsvolle Ästhetik ist. Mehr noch, ein Keramiker wie Kap-Sun Hwang erweckt den Eindruck, wahrer Designfortschritt führe heute verstärkt über die Vergegenwärtigung traditioneller handwerklicher Techniken und historischer Meisterschaft. Einer verbreiteten künstlerischen Mentalität in Asien entsprechend, zielt der Koreaner in einem begrenzten Bereich auf Vollkommenheit. Seine zylindrischen Formgebungen begeistern durch ihre weiche Oberfläche und die Präzision in der ausbalancierten kargen Farbgebung und strengen Linienführung.

Mit Naoto Fukasawa konnten die Kuratoren einen der wichtigsten Vertreter des „minimal design“ für die Ausstellung gewinnen. Der Japaner treibt die Reduktion auf die Spitze und rückt Alltagsdinge wie Körbe, Schalen oder Pfannen in einer artifiziellen „Super-Normalität“ in die Nähe von Kunst. Seine Produkte tragen weder Spuren des Gestaltungsprozesses noch eine „Handschrift“ des Gestalters. Sein Verständnis vom Aspekt „Schönheit“ ist auf einfachste Weise fundamental und radikal gebrauchsorientiert: „Er bedeutet, dass ein Produkt das Eigentum des Besitzers wird. Er bedeutet weiterhin, dass ein Produkt im Einklang mit dem Leben des Besitzers steht.“

Das Gefäß

als Skulptur

Stärkere Autorenschaft flaggt der Niederländer Aldo Bakker aus. In seiner Abkehr von der weiteren Belieferung einer übersättigten Konsumkultur nähert er sich mit Perfektion und Variantenreichtum eher autonomen skulpturalen Formen an. Seine Gießgefäße sind weniger funktional als rituell. Sie scheinen Formen und Bewegungen organischer Körper nachgeformt. Zarter und zerbrechlicher fallen Glas und Porzellan von Ruth Gurvich sowie von Marie Rahm und Monica Singer aus, die unter dem Designlabel „Polka“ firmieren.

Gurvich bewahrt in hauchdünnen Schalen und Vasen in Porzellan und Edelmetall den Charakter des Papiers, aus dem sie ihre Entwürfe faltet. Rahm und Singer zeigen sich traditionsbewusst und offen zugleich, siedeln ihre fragilen Glaswaren zwischen klassischer Eleganz und freiem Formenspiel an. Barbara Schmidt wiederum fiel den Kuratoren auf, weil sie mit ihrer Abkehr vom Service-Konzept neue, offenere Formen des Sammelgeschirrs und des Tisch-Arrangements anbietet.

Was die Auswahl der elf präsentierten Positionen mitbestimmt hat und wie die Ansprache der Designer erfolgt ist, bleibt nicht Kuratoren-Geheimnis. Fragen und Antworten, aus denen sich Selbstverständnis und Strategien der Gestalter ablesen lassen, sind auf den Vitrinenrändern notiert.

Als eigene erzählerische Bildstrecke und als Kommentar zu den Exponaten ziehen sich Fotografien von Tanja Jürgensen durch die Ausstellung. Die gelernte Keramikerin fotografierte in Bremer Wohnungen und ließ Menschen aus Bremen jeweils eines der präsentierten Produkte in die Hand nehmen. So spiegelt sich aktueller Alltag in Tischszenen und Küchensituationen wider. Und das Designobjekt tritt in Handhabung und Gebrauch auf. Die Aufnahmen sind der Produktfotografie gemäß inszeniert. Ihren Protagonisten musste die Fotografin kaum Anweisungen geben. Wie selbstverständlich griffen sie die Besonderheiten des jeweiligen Stücks auf, auch ein Qualitätsbeweis für Design.

Wilhelm-Wagenfeld-Haus,

Bremen, bis 29. September.

Di 15-21 Uhr, Mi-So 10-8 Uhr.

Eintritt: 6 Euro.

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