Eingeklemmtes Glück

Andrzej Woron inszeniert „Rigoletto“ in Bremerhaven

Sie will hinaus, er will sie beschützen: Tijana Grujic (Gilda) und Dae-Hee Shin (Rigoletto) - Foto: Heiko Sandelmann

Bremerhaven - Von Rolf Stein. Gewiss, der Adel ist entmachtet, Höflinge ein Ding der Vergangenheit. Aber wenn man sich Andrzej Worons Inszenierung des „Rigoletto“ in Bremerhaven anschaut, die am Samstag am Stadttheater Premiere feierte, kann man glatt an die aktuell unter dem Hashtag #metoo laufende Debatte über sexuelle Belästigung und den Fall Weinstein denken.

Weinstein ist zwar kein politischer Funktionsträger – aber er verfügte über eine Macht, von der Wohl und Wehe vieler Menschen abhingen. In Verdis Oper steht der Herzog von Mantua für einen Mann, der seine Macht bedenkenlos spielen lässt, nicht zuletzt dort, wo es um seinen Lustgewinn geht. Und dass die Frauen „es“ wollen, steht für ihn außer Zweifel, auch wenn sie nein sagen.

Die Titelfigur wiederum erweist sich gleichfalls als recht zeitgenössisch. Rigoletto ist Hofnarr beim Herzog und kann deswegen aus nächster Nähe beobachten, wie verlottert es am Hofe zugeht, wo wir schon im ersten Bild einer Orgie beiwohnen, bei der Woron die Höflinge Gummipuppen aufblasen lässt: Die Frau als Material männlicher Befriedigung. Rigoletto verdient seinen Lebensunterhalt am Hof und wendet seine Abscheu in Boshaftigkeit. Im Privaten legt er dafür umso mehr auf Sittenstrenge.

Seine Tochter Gilda, die aus einer offenbar unglücklich geendeten Beziehung stammt, soll rein bleiben. Weshalb Rigoletto sie in einer schimmeligen Kammer geradezu eingesperrt hat. Nur zur Kirche darf sie mit der Anstandsdame gehen. Das Privatleben als Gegenmodell, als alternative Sphäre des Strebens nach Glück, der besondere Schutz der Familie als Keimzelle der Gesellschaft – nur dass Rigoletto das Keimen bis auf Weiteres untersagen möchte. Auch das eine grundsätzlich bis heute gültige Konstellation. Bei Giuseppe Verdi, der mit dem 1851 uraufgeführten „Rigoletto“ seinen Durchbruch schaffte, bilden diese Lebenspole die Ausgangssituation für den schließlich tödlichen Konflikt, in dem der Narr tragisch scheitert.

Das Leben am Hof auf schräg gestellten Drehbühne

Angerichtet hat Woron, der auch hier wieder selbst für die Ausstattung verantwortlich zeichnet, die Ebenen des Dramas recht schlicht: Auf der schräg gestellten Drehbühne spielt sich vor allem das Leben am Hof ab, die Orgien, aber auch die öffentlichen Verhandlungen. Eingeklemmt im Raum darunter darf das private Streben nach dem kleinen Glück stattfinden. Hier sehen wir die bescheidene Unterkunft, in der Gilda sich nach dem Leben der Stadt sehnt – während gleich nebenan eine rotlichternde Klause auch dem Herzog Entspannung bietet. Gilda, der er sich als armer Student vorgestellt hat, ist ihm allerdings derart verfallen, dass sie die Pläne ihres Vaters, den Herzog umbringen zu lassen, durchkreuzt, trotzdem sie Zeugin wird, wie der vermeintliche Student sich ohne viel Federlesens über eine andere Frau hermacht.

Woron inszeniert das mit starken Bildern, die Höflinge tragen mal grelle Masken und weite weiße Clownskragen, mal kommen sie eher als schmierige Mafiosi daher. Der Herzog stolziert mit Leopardenmusterschal über die Bühne, und Maddalena, die ihn ins Verderben locken soll, wackelt aufdringlich mit dem Gesäß. Rundum sympathisch ist da beinahe niemand, außer Gilda, aber dennoch entwickelt man Sympathien für den verbitterten Rigoletto, der sich in seinen Widersprüchen aufreibt.

Fabelhaft besetzt

Mit Dae-Hee Shin ist der Rigoletto in Bremerhaven fabelhaft besetzt, Neuzugang Tijana Grujic als Gilda glänzt darstellerisch wie gesanglich ebenso wie die gleichfalls neu engagierte Patrizia Häusermann als Schwester des Auftragsmörders Sparafucile mit Leo Yeun-Ku Chu aufs Beste harmoniert. In den großen Rollen lässt ausgerechnet die Titelpartie gelegentlich zu wünschen übrig, die Kwonsoo Jeon übernimmt. Neu am Haus ist auch McKenzie Galliger, der als Borsa seine Aufgabe tadellos versieht, wie überhaupt dieser Abend auch bis in die kleineren Partien ( (Brigitte Rickmann als Gouvernante, Daniel Dimitrov als Graf von Monterone) angemessen besetzt ist.

Verdis schier unwiderstehliche Musik ist derweil bei Marc Niemann und Bremerhavens Philharmonischem Orchester in guten Händen. Ein sehenswerter Opernabend, der den Weg nach Bremerhaven lohnt.

Die nächsten Vorstellungen: Donnerstag, 16. November, Samstag, 25. November, Samstag, 9. Dezember, jeweils 19.30 Uhr, Stadttheater Bremerhaven.

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