„Meine Zeit wird kommen“: Die Welt Gustav Mahlers in vier Konzerten der Bremer Philharmoniker

„Einer säuft sich die Welt schön“

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Bläsergruppe der Bremer Philharmoniker ·

Bremen - Von Ute Schalz-LaurenzeSowieso schon unendlich lang auskomponiert, hallt es im Hörer noch lange nach, das „Ewig! Ewig“ am Schluss von Gustav Mahlers „Lied von der Erde“.

Die Mezzosopranistin Stella Doufexis sang es mit betörender, quasi entmaterialisierter Klanglichkeit auf einem riesig erscheinenden Atem. Auch die anderen Lieder dieses trostlosen Zyklus‘, von dem der Komponist selbst sich fragte, ob man das Hören überhaupt aushalten könne, gelangen Doufexis völlig unaufgesetzt beispielhaft schön, mit enormer Differenzierung der so unterschiedlichen Anforderungen, die Mahler alle sehr genau in die Partitur hereingeschrieben hat. Das kann man nicht besser machen.

Auch der Tenor Matthias Klink überzeugte mit seiner wahnsinnsschweren Partie des Trunkenen im Frühling und den wehmütigen Erinnerungen: „Einer säuft sich die Welt schön“, wie Kommentator Herbert Feuerstein treffend meinte. Und das Orchester „begleitete“ unter Poschner mit Wucht und Zärtlichkeit, mit erschreckender Betonung auf der Zerbrechlichkeit der Strukturen, mit einer klanglichen Intensität, die für den Hörer deutlich machte: Dieses Stück, das kompositorische Vermächtnis Mahlers, ist eine Reise in das eigene Innere. Angesichts des „gänzlich ersterbenden“ unaufgelösten Schlussklanges wurde die Frage Dietmar Hollands: „Man weiß nicht recht, ob es ein Verstummen im Tod ist oder der Übergang in ein anderes Leben“ regelrecht sinnlich erfahrbar.

Das Konzert war das letzte – es folgten noch in der Reihe „fünf nach sechs“ zwei Sätze aus der fünften Sinfonie – einer umfassenden Auseinandersetzung mit der Musik Gustav Mahlers, der einst sagte: „Meine Zeit wird kommen“. Bremen allerdings hat Mahler immer die Treue gehalten, wie eine Dokumentation der philharmonischen Mahler-Aufführungen zeigte. Auch Poschners Vorgänger Lawrence Renes hatte einen Schwerpunkt mit Mahler, so dass man gut und gerne behaupten kann, in Bremen gibt es eine Mahler-Tradition, mit dem umfassenden Einsteigen von Poschner vielleicht sogar etwa wie einen Mahler-Stil.

Das geht allerdings über den Begriff der Interpretation weit hinaus, denn Poschner versuchte mit den Konzerten auch, die Welt von Mahlers Sinfonien, die dieser selbst als das Leben verstand, neu und anders erfahrbar zu machen. Wenn der innovative Regisseur Benedikt von Peter mit Mahler III eine Visualisierung in der Oper versuchte, wenn Poschner mit zwei Musikern Improvisationen zu Mahler-Liedern ausprobierte, wenn Lieder seiner Frau Alma Schindler erklangen, von der er verlangte, dass die Ehe mit ihm eine Komponistentätigkeit ihrerseits ausschließt, wenn der musikbegeisterte Entertainer Herbert Feuerstein reichlich Platz bekam, um die Persönlichkeit Mahlers zu verstehen. Es kann nicht erwartet werden, dass das alles gleich perfekt wird. So haben die Improvisationen den wunderbaren Bariton Dominik Köninger leicht beiseite gedrückt, so war die Präsentation von Alma Mahler mit zwei Liedern viel zu winzig, wenn man sie schon macht. So hat Feuerstein drei Abende lang viel zu lang geredet, ohne wirklich etwas zu sagen und um mit seinen Witzen oft haarscharf daneben zu liegen: Substanz kam dann eher von Markus Poschner.

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