Bremer Ausstellung zeigt Werke von Hajo Antpöhler und Hermann Jacobs

Für eine Sekunde Maler sein

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Hermann Jacobs: „Auf den Nähten der Nacht“, 1955. Öl auf Hartfaser. ·

Bremen - Von Johannes BruggaierEs war die Zeit der Konzeptkunst, die Epoche ihrer Etablierung in der Gesellschaft. Es war eine politisch aufgeladene Zeit, damals in den siebziger und achtziger Jahren. Und es schien manchmal so, als könnte eine Entladung allein in der Kunst gelingen – als wäre es ihren Vertretern mehr als sonst vorbehalten, Antworten auf die drängenden Fragen der Zeit zu formulieren.

Hajo Antpöhler (1930-2009) war Teil dieser Szene, ein Bremer Künstler, der sich den bis dahin geltenden Gattungszuschreibungen entzog. Ein Lyriker und Prosaist, ein Maler und Collagenkünstler und bei alledem natürlich ein politischer Mensch. Die Städtische Galerie Bremen hat ihm nun eine Werkschau gewidmet. Darin zeigt sich: Er war das alles, er war es aber zugleich auch nicht.

Antpöhlers Kunst nämlich erfüllt nur auf den ersten Blick den Anspruch der Welterklärung. Wer als Betrachter am Ball bleibt, wer sich einlässt auf die seinen Werken eingeschriebene Erzählstruktur, der nimmt die Sollbruchstelle war: den Moment, in dem das Weihevolle ins Ironische kippt.

Ganz subtil offenbart sich das zunächst in Antpöhlers ureigenstem Metier, der Dichtung. Zu zwei Fotografien des Kölner Doms berichtet da der Erzähler über seinen Besuch der Rheinstadt. Das erinnert über einige Sätze hinweg durchaus an klassische Reiseprosa. Bis vom Gang durch die Stadt die Rede ist: „Wenn Angelika und ich morgens aus dem Hotel gehn, sagen wir: Luft! Und wenn wir nach fünfzig Metern auf die Komödienstraße kommen, sagen wir: Dom!“ Noch einmal ein Blick auf die beiden Dom-Fotografien. Die eine zeigt ihn bei Tag, die andere bei Nacht, Erstere aus höchst unvorteilhafter Perspektive, Letztere reichlich verschwommen. Köln und sein Dom: Nicht jeder Reisende mag diesem Kult folgen.

An anderer Stelle probiert sich Antpöhler an der Malerei, schwingt die Kreide „auf und ab“. „Diese Sekunde ein Maler sein!“, steht auf dem Papier geschrieben, was zunächst eine selbstbewusste Eigendefinition bedeutet. Dann aber natürlich auch deren kritisch ironische Reflexion.

Das Millimeterpapier hat es ihm besonders angetan. Es suggeriert zunächst so schön Genauigkeit, Mathematik, Seriosität. Und dann steht darauf am Ende doch bloß wieder ein Satz wie: „Unser Lehm ist der Kunz geweint.“ Auch hier wieder die ironische Brechung, das Abkippen vom Ernsten ins Absurde – aber auch eine weitere Drehung dieses Prozesses, die Wendung vom Absurden zurück in die Ernsthaftigkeit. Denn selbstverständlich lässt das Weinen an die Selbstzerfleischung des Künstlers denken.

Und dann der Kontrast im Westflügel der Galerie: Hermann Jacobs (geb. 1930) nämlich hat so gar nichts mit Hajo Antpöhler gemein. Nicht das Politische, nicht das Ironische, nicht das Gattungssprengende.

Es ist auch eine andere Zeit, in der seine Werke entstanden sind. Die ersten Jahre nach dem Weltkrieg etwa, als der gerade 16-Jährige seine Ausbildung an der Bremer Kunstschule begann. Was seine Zeichnungen zeigen, lässt sich mit gutem Recht als wahre Bremensie bezeichnen: die Ruinen der zerstörten Weserbrücken, detailgetreu skizziert als täglich sichtbare Mahnmale für den Untergang des Dritten Reichs.

Über das rein Dokumentarische hinaus reicht ein Holzschnitt aus dem Jahr 1945. Der Bremer Freimarkt, das Freudenfest inmitten der Trümmer: Jacobs stellt ihn auf eine Anhöhe, die an einen Scheiterhaufen denken lässt. Die Lichter der Buden und Fahrgeschäfte züngeln wie Flammen zum Himmel empor. Und die Besucher sind dunkle Gestalten, Schatten der Vergangenheit.

Es ist eine düstere Sicht auf die Welt, nicht allein in der unmittelbaren Nachkriegszeit. In den fünfziger und sechziger Jahren malt er rätselhafte Figuren, traumartige Landschaften – bis an die Grenze der Kenntlichkeit verfremdet durch eine Nachtschwärze, die sich wie ein Gewebe über die Szene legt. Es sind surrealistische Anmutungen von tiefem Ernst, die dieser Ästhetik innewohnen. Und wenngleich dieser Bezug klischeehaft wirken mag, so lässt sich doch darin ein Nachklingen des Kriegstraumas ausmachen.

Es ist sinnlos, die beiden Künstler miteinander zu vergleichen, weshalb die Städtische Galerie auch bewusst das Wort Doppelausstellung vermeidet. Stattdessen handelt es sich um zwei autonome Expositionen, von denen jede auf ihre eigene Weise überzeugt.

Bis 8. Januar 2012 in der Städtischen Galerie Bremen. Öffnungszeiten: Di. bis Sa. 12 bis 18 Uhr. So. 11 bis 18 Uhr.

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