Arie Hartog über das Kriegerehrenmal von Ernst Gorsemann

„Eine sehr starke Botschaft“

„In den 30er-Jahren wurde über den Bau breiter Treppen zur Weser diskutiert“: Ernst Gorsemanns Kriegerehrenmal. - Foto: Hannah Wolf

Bremen - Von Radek Krolczyk. In unserer Interview-Reihe zu Bremer Denkmälern spricht Arie Hartog, Direktor des Bildhauermuseums Gerhard-Marcks-Haus, heute über das Kriegerehrenmal von Ernst Gorsemann von 1935 auf der Altmannshöhe zwischen Weser und Kunsthalle.

Herr Hartog, obwohl das Kriegerehrenmal so prominent platziert ist, scheint es der Stadt peinlich zu sein. Soll man es abreißen?

Arie Hartog: Nie! Der Bau von Gorsemann ist höchst bemerkenswert, man sollte mehr darüber nachdenken, worum es sich dabei eigentlich handelt. Er ist höchst rätselhaft, und immer wieder geschieht es, dass Leute davor stehen bleiben und sich aus ganz unterschiedlicher Perspektive heraus fragen, was das denn jetzt eigentlich ist.

Was ist es denn?

Hartog: Es geht auf die Idee zurück, eine Erinnerungsstätte für die toten Weltkriegssoldaten von Bremen zu schaffen. Daraus ist dieses von Bremer Bürgern finanzierte Denkmal entstanden. Das Mal ist eindeutig militaristisch, es entstammt der deutschen Militärtradition, keine Frage. Es wurde im Nationalsozialismus bei Veranstaltungen genutzt, auch das ist unstrittig. Ein Nazidenkmal aber ist es nicht. Die Jungs hätten lieber etwas Größeres gehabt für ihre Masseninszenierungen. In den 30er-Jahren wurde über den Bau breiter Treppen zur Weser hinunter diskutiert.

Für Messen war der offene Rundbau aber geeignet.

Hartog: Genau, es ist semireligiös. Das hat es mit der Böttcherstraße, die in Bremen als Märchenstraße verklärt wird, gemeinsam. Deutsch ist ja, dass man tief fühlt, und in Gorsemanns Dom kann man unglaublich tief fühlen, das war die Überlegung. Dafür spricht auch die pathetische Inschrift, durch die die Toten zu uns sprechen. Eine Besonderheit ist der nachträglich hinzugefügte Altar.

Warum dieser Altar?

Hartog: Dieser Altar ist konfessionsübergreifend. Gorsemann hat gesagt, er sei ungeachtet der religiösen Zugehörigkeit für all die Menschen, die auf dem Altar der Kriege für Deutschland gestorben sind. Das galt auch für die jüdischen Gefallenen. Wohlgemerkt: Die Nazis waren da bereits an der Macht. Für den bürgerlichen Gorsemann spielte Rasse im Sinne des Nationalsozialismus keine große Rolle.

Wie sind die Nazis mit den jüdischen Namen umgegangen?

Hartog: Das ist eine interessante Frage, der man einmal nachgehen sollte. Jedenfalls findet man dort noch heute Namen, die jüdisch sein könnten.

Ist nicht auch die Stapelung von Opfergruppen seltsam? Zu den Gefallenen des Ersten Weltkriegs kamen die Korpssoldaten, die an der Zerschlagung der Bremer Räterepublik beteiligt waren.

Hartog: Das ist etwas, das einem Kriegsdenkmal traditionell widerfährt. Wenn man in Frankreich über die Dörfer fährt, sieht man Erster-Weltkrieg-Denkmäler, denen links eine Plakette für den Zweiten Weltkrieg, rechts eine für Algerien und hinten eine für Indochina anmontiert wurde.

So setzt sich auch die Sammlung der Opfergruppen an Gorsemanns Denkmal zusammen?

Hartog: Ja. So hatte man dort auch die Namen der in den 30er-Jahren bei Straßenschlachten umgekommenen SA-Leute untergebracht. Nach der Restaurierung des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Mals wurden die Namen der gefallenen Wehrmachtssoldaten ergänzt.

Die SA wurde wieder herausgenommen?

Hartog: Ja, gleich nach dem Wiederaufbau des Mals. Man kann daran sehen, dass sich die Definition dessen, was zur Nation gehört, überhaupt die Vorstellung davon, was Nation ist, im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts dauernd verschiebt. Dieses Denkmal ist zwar immer noch „für unsere Soldaten“, aber wer sind eigentlich „unsere Soldaten“? Mit dem Zweiten Weltkrieg wurde die Idee eines Soldatendenkmals im Grunde obsolet, weil sie ihre Opferhoheit, die sie nach dem Ersten Weltkrieg noch hatten, eingebüßt haben. Der Satz: „Ihr seid für uns gestorben“, hat keine Gültigkeit mehr in der nationalen Erzählung. Eingelöst wird dies etwa im „Trauernden Engel“ von Gerhard Marcks in Köln. Dieses Denkmal ist universell und trauert um alle. Das ist keine Soldatenikonografie mehr.

Sind manche dieser „Opfer“ nicht eigentlich Täter?

Hartog: Ja, natürlich. Dieser Gedanke entwickelte sich aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Bei Kurt Tucholsky findet sich das früher: „Soldaten sind Mörder“.

Hat es Versuche gegeben, das Denkmal umzuwidmen?

Hartog: Tatsächlich wurde in den 80er-Jahren von der Kulturbehörde ein Wettbewerb für Änderungen an dem Bau ausgeschrieben. Das haben die Nachfahren von Gorsemann aber mithilfe des Urheberrechts unterbunden. Es handelt sich um ein Kunstwerk, man kann daran nicht ohne Weiteres etwas ändern.

Erklärt sich die Haltung der Familie künstlerisch oder politisch?

Hartog: In erster Linie war es ein psychologischer Grund. Die Kinder wollten nicht, dass ihr Vater als Nazi abgestempelt wird. Vor rund fünf Jahren wurde dann eine Tafel angebracht, die die Geschichte des Baus offenlegt. Das finde ich sehr gut. Das geschah in Abstimmung mit dem Gerhard-Marcks-Haus, dem Amt für Denkmalpflege und dem Staatsarchiv. Die Tafel ist ein Konsensprojekt.

Welchen Nutzen hat solch ein Denkmal für das Geschichtsbewusstsein in dieser Stadt?

Hartog: Das hat ein Denkmal nie, wenn nichts damit gemacht wird.

Ist das hier nicht der Fall?

Hartog: Auf der anderen Seite hat es seine ästhetischen Stärken. Es vermittelt durch die Menge an Namen einen Eindruck davon, was Massensterben bedeutet. Das ist eine sehr starke Botschaft. Das Vietnam Veterans Memorial in Washington wird dafür immer gelobt, na ja, das gab es in Bremen schon früher.

Das könnte Sie auch interessieren

Toreshow von Lukaku & Hazard: Belgien glänzt gegen Tunesien

Toreshow von Lukaku & Hazard: Belgien glänzt gegen Tunesien

Matjesfest in Verden

Matjesfest in Verden

Abi-Entlassungsfeier am Domgymnasium Verden

Abi-Entlassungsfeier am Domgymnasium Verden

Kostüm-Trends auf dem Hurricane

Kostüm-Trends auf dem Hurricane

Meistgelesene Artikel

Wer fliehen darf, entscheidet der Staat

Wer fliehen darf, entscheidet der Staat

„Macbeth“ mit Weltstars an der Berliner Staatsoper

„Macbeth“ mit Weltstars an der Berliner Staatsoper

„Der Untermieter“ in Bremerhaven: Trau keinem, der im Voraus zahlt

„Der Untermieter“ in Bremerhaven: Trau keinem, der im Voraus zahlt

Lokalmatadore Anchors & Hearts vor ihrem Hurricane-Debut

Lokalmatadore Anchors & Hearts vor ihrem Hurricane-Debut

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.