„Der Rosenkavalier“ im Kaufhaus: Tobias Kratzer beschäftigt sich in seiner Bremer Inszenierung mit der Ware Oper

So eine schöne Musi

Brillante Besetzung: Kelly Cae Hogan (l., Marschallin) und Nadja Stefanoff (Octavian).

Bremen - Von Rainer Beßling(Eig. Ber.) · Die Hauptfigur steht nicht auf dem Besetzungszettel. Und doch ist sie im „Rosenkavalier“ dauerhaft präsent. Die Zeit treibt die Akteure um und bestimmt ihr Miteinander.

Tobias Kratzer gibt ihr in seiner Bremer Inszenierung der Strauss-Oper greifbare Gestalt und selbst Geschichte. Zeit tritt über dem Bühnengeschehen thronend als Uhr im Fin de Siècle-Design und später in digitalen Ziffern auf. Sie spricht aus wechselnden Moden und dem Wandel der Schauplätze. In Sensenfrau und Himmelsbote mit Sanduhr bekommen die Vergänglichkeitsmotive der Partitur ein Pendant auf dem Podium. Wenn alte Frauen ihre nackte Haut die Bühnentreppe hinunter tragen, dürfte allen Premierenbesuchern am Sonntag die Wirklichkeit der abstrakten Größe Zeit ziemlich nahe gekommen sein.

Die Zeit ist auch im musikalischen Geschehen sein Hauptmotiv. Der vom Schluss-Terzett berührte Hörer kann am Ende nachvollziehen, warum es vier Stunden braucht, um einen Dreierbund zu schließen, der dem unerbittlichen Lauf des Lebens etwas entgegen zu setzen hat: geglückte und richtige Liebe. Von Nadja Stefanoff (Octavian), Kelly Cae Hogan (Feldmarschallin) und Sara Hershkowitz (Sophie) in berückender Klangschönheit, aber auch struktureller Klarheit intoniert, bündelt das Ensemble die Erfahrungen und Erkenntnisse der Stückhandlung und die zahllosen klanglichen Überblendungen. Fast deutet sich die Möglichkeit eines positiven Blicks auf das Altern und den Lauf der Liebe an.

Doch auch dieses schwelgerische Aufblühen von Hoffnung bleibt nicht ohne Abschattierung und einen Gegenschlag des Pendels. Auch der Jugend steht schon der finale Lebenszweck gegenüber, wie im Schlussbild sichtbar wird. Und im Umgang mit dem Alter, dem wir nur mäßig vorbereitet gegenübertreten, hilft doch nur sanfter Zynismus oder junges Fleisch. Das haben die Feldmarschallin und der Baron Ochs mit mäßigem Erfolg, aber offenbar alternativlos durchlebt. Rüni Brattaberg gibt den Kavalier mit vokaler Bravour, führt ihn nicht vor, sondern lässt in das Absturzpotential seiner Eskapaden blicken.

Alles nur eine Farce, das Leben wie das Nachdenken darüber – am Ende bleibt‘s wie‘s is‘ und man weiß nix, wie die Feldmarschallin bilanziert. Klingendes Leitmotiv für diese Weisheit ist der Walzer, in dem sich die Figuren und das Leben um sich selbst drehen, der Lokalkolorit widerspiegelt und in dem wie in wienerischer Mentalität grundsätzlich der Tod die Schritte führt. Mit beißender Ironie durchwirkt Strauss die Dreiviertel-Seligkeit, wie überhaupt die schwelgerische Schönheit der Musik viele Stachel im üppigen Klangkörper führt.

Die Bremer Philharmoniker unter der Leitung von Markus Poschner interpretieren Strauss‘ Musik als glanzvolle Oberfläche und werbende Überwältigung, zugleich schälen sie aber auch in souveräner Führung der reibungsvoll geschichteten Stimmen die Kommentare und Brüche heraus.

Die Verbeugung des Komponisten vor Mozart und der Klugheit der Komödie ist überblendet von dem Hören und Wissen und der Welt um 1900. In dieser Zeitstruktur steckt ein Bewusstsein vom nostalgischen Zug der Rückbesinnung. Mozart kann trösten, mit seiner Gegenwart muss aber schon jeder selbst klar kommen.

„Der Rosenkavalier“ zählt zu den beliebtesten Werken der Gattung, Regisseur Tobias Kratzer hat den Waren- und Verheißungscharakter der Musik selbst zum Thema gemacht: die Arie als klingender Höhepunkt aller Wunscherfüllungen, die Oper als Hort der Glücksversprechungen und der wahren Lebensempfindungen und -vollendungen. Daraus leitet Kratzer eine Warenhauswelt als Bühnenarchitektur ab. Das Kaufhaus wird zum Epochenhintergrund: Im 1. Akt repräsentiert es die Entstehungszeit der Oper, in der das Grammophon Musik massentauglich macht und Mode für viele erschwinglich. Der zweite Akt spielt in Auslagen der 50er Jahre mit dem Fernseher für alle, den Glücksangeboten der Technik an die Adresse der Hausfrau und der Vorstellung einer heimeligen privaten Welt in schönstem Rosa – Hintergrund für die rituelle Übergabe der Rose, begleitet von Aussteuerüppigkeit und gefolgt von epochengerechter Rebellion der Jugend.

Im Schlussakt herrscht der Ausverkauf. Alles muss raus, Rabatt ohne Ende. Dem Baron Ochs, der mit käuflicher Liebe seine Lolita-Projektion im Fetisch des Mariandl-Kleides aufleben lassen will, rücken geisterhaft die kleinen Preise und vermeintliche Nachfahren auf den Pelz. Aus ist mit der Liebelei. Da hilft auch „die schöne Musi“ nichts. Während Ochs der Bankrott seiner Kavalierskarriere aufgeblättert wird, reagiert die Marschallin würdiger mit einer Wendung und Umlenkung der Gefühle.

Kratzers Warenidee und Kaufhauskonzept mag an einigen Stellen des Stückverlaufs knirschen. Auch läuft der Regisseur mit einem Hang zur plakativen Vanitas-Sinnbildlichkeit Gefahr, die differenzierte Behandlung dieses Themas in der Musik zu übertünchen. Dennoch bietet Kratzer eine anschauliche Kulisse und einen Denk raum, in dem die Musik mit ihrem verlockenden, umschmeichelnden Potenzial Korrespondenz und Konfrontation findet.

„Der Rosenkavalier“ entlässt den Zuhörer im Taumel, im Schwebezustand zwischen erweitertem Bewusstsein und fortgesetzter Besinnungsflucht. Vitalität und Verfall drehen ihre Runden. Dass Verstehen und Durchstehen sich im Lebenslauf mit unterschiedlichem Erfolg abwechseln, lässt Strauss‘ Musik hören. Wie viele Schichten das Werk anbietet, macht die neue Bremer Inszenierung zugänglich. Ein Publikum, das an Arienschnäppchen interessiert ist, könnte sie verfehlen. Das Hören schöner Stellen mag Genuss bieten, ist aber eigentlich vertane Zeit.

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