Peter Weiss würde dieses Jahr 100 Jahre alt

Eine Sackgasse für einen Dichter

Berlin - Von Rolf Stein. Es ist eine bezeichnende Pointe: 2009 widmete Bremen dem Schriftsteller Peter Weiss eine Straße in der Neustadt. Eine Sackgasse. Weiss, dem immerhin unter anderem 1982, kurz vor seinem Tod, der Literaturpreis der Stadt Bremen für seinen Roman „Die Ästhetik des Widerstands“ verliehen wurde und der rund zehn Jahre seiner Kindheit in der Hansestadt lebte, wäre am 8. November 100 Jahre alt geworden.

Wurde sein Auschwitz-Oratorium „Die Ermittlung“ 1965 von 14 deutschen Bühnen und von der Londoner Royal Shakespeare Company zeitgleich uraufgeführt, erhielt er 1966 den Tony Award für sein Stück „Marat/Sade“, erregten Werke wie „Viet Nam Diskurs“ und Trotzki im Exil“ auch international Aufmerksamkeit, sind seine Stücke heute weitgehend von den Spielplänen der Theater verschwunden.

Immerhin: Zum 100. Geburtstag wird seiner doch gedacht. Das Theater Bremen inszenierte in der Bürgerschaft eine szenische Lesung der „Ermittlung“, vom 11. bis 13. November gibt es in Rostock eine Stafettenlesung der „Ästhetik des Widerstands“, und das Hamburger Thalia-Theater feiert den Geburtstag des Autors mit einem Abend zur „Ästhetik“. Und am 8. November soll ein Flüchtlingswohnheim in der Bremer Neustadt den Namen „Peter-Weiss-Haus“ bekommen. Der Verbrecher-Verlag wartet derweil zum Jubiläum mit einem gar nicht kleinen publizistischen Coup auf: Unter dem Titel „Dem Unerreichbaren auf der Spur“ ist nun ein Band mit Texten erschienen, die bislang, wenn überhaupt, nur auf Schwedisch veröffentlicht worden waren, der Sprache des Landes, in das er vor dem Faschismus flüchtete.

Die in dem Band versammelten Texte zeigen den Autor im Tagesgeschäft. Was die Lektüre keinen Deut uninteressanter macht – im Gegenteil. Hier sehen wir, wie sich Weiss, der in seinem Streben nach Genauigkeit, nach einer der Komplexität seines Gegenstandes adäquaten Form oft zum Ausufernden neigte, die kleine Form meistert, Filme bespricht, sich mit Nabokovs Roman „Lolita“ auseinandersetzt und politisch interveniert – im Kleinen, wie der schwedischen Kulturpolitik, und im Großen, wenn er gegen das Morden in Vietnam anschreibt.

„Wenn ich jetzt mit meinem Schreiben nichts ändern kann, dann ist das ganze Schreiben sinnlos“, hat Weiss einmal gesagt, nachdem er sein Frühwerk als „Seelenkäse“ abgetan hatte. Der Erfolg seines Strebens lässt sich naturgemäß schwer messen. Wenn aber seine Art zu schreiben, zu kämpfen für eine Welt ohne Ausbeutung, die stete Suche nach einer geeigneten Form für diesen Kampf wirklich eine Sackgasse wäre, stünde es nicht nur um die Literatur schlecht.

Montag, 19.30 Uhr: „Weisser Geburtstag“mit StückWerk Bremen, Falstaff, Theater am Leibnizplatz, Bremen;

Dienstag, 19.30 Uhr, „Peter Weiss 100: Ästhetik des Widerstands – Texte, Szenen & Filme“, Thalia Theater, Hamburg.

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