INTERVIEW Jeannette Luft erzählt in „Verschwundenes Land“ von der DDR

„Eine Art zu reden“

Jeannette Luft widmet der DDR einen Theaterabend. Foto: Iris Wolf

Bremen - Von Rolf Stein. Sie ist in aller Munde: die DDR. Zwischen Nostalgie und scheckbuchgepflegtem Feindbild, zwischen „andere deutsche Diktatur“ und „gut gemeint, aber schlecht gemacht“. Da prallen Kindergartenplätze auf allgegenwärtige Überwachung, stete Gängelung auf das Recht auf Wohnen. Aufzuarbeiten gibt es offenbar auch 30 Jahre nach der Öffnung der deutsch-deutschen Grenze eine Menge. Die aktuellen Schlagzeilen zum Thema schillern zwischen Warnungen vor der Wiederkehr des Sozialismus angesichts des Wahlerfolgs der Linken in Thüringen und der Frage, ob das Erstarken der politischen Rechten in den östlichen Bundesländern ein Produkt der DDR ist. Jeannette Luft, im sächsischen Zwickau aufgewachsen, vom Bremer Figurentheater „Mensch, Puppe!“ setzt sich in „Verschwundenes Land“ jetzt theatralisch mit ihrer alten Heimat auseinander.

Frau Luft, wissen Sie noch, wo Sie waren, als die Mauer fiel?

Ich war bei uns zuhause, wo ich mit Freunden gerade eine Party feierte.

Was war der Anlass?

Wir haben einfach so gefeiert. Und als wir die Nachrichten gehört hatten, haben wir erst recht gefeiert.

Wie alt waren Sie damals?

14 Jahre alt.

Wie haben Sie das Geschehen eingeordnet?

Ich dachte erstmal: Krass! Ich wollte immer raus aus diesem engen grauen Alltag. Ich war überhaupt nicht sozialistisch orientiert. Ich war sogar in die Kirche eingetreten. Da mussten sich sogar meine Eltern taufen lassen.

Aus Protest?

Genau.

Waren Ihre Eltern oppositionell eingestellt?

Mein Vater wollte auch immer nur reisen. Er ist dann zehn Jahre zur See gefahren. Als ich fünf war, hat er mit der Seefahrt aufgehört. Meine Tante, also seine Schwester, hatte nach Ungarn geheiratet, deswegen sind wir viel dort gewesen. So hatten wir sowieso schon relativ viele Freiheiten.

Was haben Sie nach dem Mauerfall gemacht?

Das Leben ging trotzdem erstmal weiter. Ich bin zur Schule gegangen, aber nicht mehr so regelmäßig. Und mit meinen Eltern bin ich viel in den Westen gefahren und wir haben Freunde besucht. Mit dem Trabbi sind wir bis nach Holland gefahren. Dafür hat man auch frei bekommen von der Schule. Später bin ich dann allein in der Welt herumgereist.

Was war der Auslöser dafür, der DDR einen Abend zu widmen?

Vor zehn Jahren, also zum 20. Jahrestag des Mauerfalls habe ich sehr viele Reportagen gesehen, die mich tief berührt haben. Ich dachte, ich muss da mal was aufarbeiten, Im Westen hatte ich immer das Gefühl, anders zu sein. Und wenn ich in den Osten kam, hab ich gemerkt, dass ich da überhaupt nicht hingehöre. Ich merke aber, dass es immer eine Verbindung gibt, wenn ich auf Ostdeutsche treffe. Da merkt man, dass man etwas gemeinsam hat.

Können Sie die Gemeinsamkeit etwas genauer beschreiben?

Das ist ein Gefühl, eine Art zu reden, eine Art sich zu öffnen. Das ist auch nicht bei allen so. Aber ich habe manchmal schnell das Gefühl, zuhause zu sein. Dabei hab ich damals mit der Kultur eigentlich nichts zu tun gehabt, sondern „Bravo“ gelesen und The Cure gehört. Dann hab ich aber Bands wie Lift, Renft, Karussell und Bettina Wegner entdeckt und auch DDR-Künstler kennengelernt wie die Pianistin Ella Winkelmann, mit der ich „Verschwundenes Land“ mache.

Gab es in der DDR eine eigene Art zu schreiben?

Auf jeden Fall, das ist sehr subtil. Die Texte der Rockbands hatten immer eine doppelte Botschaft, vor allem bei Lift ist das toll, die sind für mich die beste Band aus der DDR.

Machen Sie nur Musik in „Verschwundenes Land“?

Es gibt Erklärungen zu FDJ, den Pionieren oder dem Fahnenappell. Und die Pressekonferenz, bei der Günter Schabowski die neue Reiseregelung verkündet, kommt als Mitschnitt von einem Kassettenrekorder.

Wie gehen Sie mit den negativen Seiten der DDR um?

Für mich war die DDR nicht so krass, ich war zu jung. Wir wollen auch denen etwas bieten, die nicht viel über diese Zeit wissen.

Termine

Freitag und Samstag, 20 Uhr (ausverkauft), 27. Februar und 15. Mai 2020, 20 Uhr, „Mensch, Puppe!“, Bremen.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Schlüsselzeuge Sondland bringt Trump in schwere Bedrängnis

Schlüsselzeuge Sondland bringt Trump in schwere Bedrängnis

Razzia gegen "Hawala-Banking"

Razzia gegen "Hawala-Banking"

Nienburg: Dach für Eisbahn steht schon 

Nienburg: Dach für Eisbahn steht schon 

Immer mehr Schweinepest-Fälle nahe deutscher Grenze

Immer mehr Schweinepest-Fälle nahe deutscher Grenze

Meistgelesene Artikel

„Blechtrommel“ in Bremerhaven: Grass-Klassiker als gut geöltes Bildertheater

„Blechtrommel“ in Bremerhaven: Grass-Klassiker als gut geöltes Bildertheater

Wahn und Wirklichkeit

Wahn und Wirklichkeit

Bremer Philharmoniker: Inspirierender Beitrag zur Geschichte der Sinfonie

Bremer Philharmoniker: Inspirierender Beitrag zur Geschichte der Sinfonie

Bremer Literaturpreis für Barbara Honigmann

Bremer Literaturpreis für Barbara Honigmann

Kommentare