Eine neue Ausstellung im Bremer Museum Weserburg erkundet 400 Jahre Landschaftsbilder

Jeder Gipfel braucht seinen Steinbock

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Natur ist eine Aufgabe, die es zu lösen gilt: „Landschaft/Feuerpause“ (2008) von Almut Linde.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Ja, so kennt man sie, die barocken Landschaftsszenen: weite Täler, lichte Höhen und Menschen bei ihrer Arbeit inmitten der unberührten Natur. Bei Claes Dircksz. van der Heck zum Beispiel, da macht die Bauersfrau ihre Rast am Wegesrand, da hütet auf der Weide der Hirte die Schafe, und auf den Gipfeln dort oben springen die Steinböcke. Auf jedem der Gipfel steht genau einer.

Auf jedem Gipfel ein Steinbock: Meint der das ernst? Wahrscheinlich nicht.

Das Werk des niederländischen Alten Meisters ist Teil der neuen Ausstellung in der Bremer Weserburg. „Land in Sicht“ lautet deren Titel, der im Subtext ein bisschen kulturpolitischen Optimismus zum Klingen bringt, sich aber eigentlich auf die Gattung des Landschaftsbilds bezieht. Und zwar nicht ausschließlich auf jenes unserer Zeit, sondern auf eine vier Jahrhunderte währende Geschichte der künstlerischen Auseinandersetzungen mit der Natur. Was bedeutet, dass dort, wo in der Weserburg sonst Polke und Richter, Kiefer und Lüpertz hängen, plötzlich auch ein barocker Maler wie Claes Dircksz. van der Heck zu finden ist.

Einen Widerspruch zum Auftrag des Museums sieht dessen Chef Peter Friese nicht: Man blicke auf diese Exponate schließlich mit bewusst heutigen Augen. Und mit denen nehme man in den historischen Vorlagen plötzlich aktuelle Perspektiven wahr. Etwa ironische Brechungen der vermeintlichen Idylle: Steinböcke in verkitscht inszenierter Formation wie bei van der Heck. Oder lauschige Wälder im Abendlicht – auf deren anmutiger Lichtung ein Waldarbeiter mal eben kacken geht (Herman Saftleven: „Weite Berglandschaft mit Holzfällern und Reisenden“, 1642).

Naturbilder, so lautet die Botschaft, waren für die Kunst immer schon zuallererst eine Projektionsfläche der Zivilgesellschaft, ihrer Hoffnungen wie ihrer Ängste, ihrer Pläne wie ihrer Brüche. „Es gibt keine Landschaft, die völlig unschuldig ist“, lautet das dazu passende Zitat von Anselm Kiefer.

Weiß wie die Unschuld mutet dabei Michael Reischs Fotodruck an. Das Matterhorn ragt da in seiner wohlbekannten Gestalt mittig empor. Wer kennt es nicht aus Reiseprospekten und Tobleronepackungen? Doch dieses Matterhorn ist zwar original, aber doch anders, als fehlte etwas in dieser heilen Alpenwelt. Ja richtig: Wo sind sie denn hin, die Skilifte und Berghütten, die Gondeln und die Gornergratbahn?

Reisch zeigt ein Matterhornbild fern jeder menschlichen Eingriffe. Die Einöde ist mehr Bedrohung als Verheißung. Je weiter der Blick über die Schneefelder reicht, desto schwärzer erscheinen die schroffen Felsen. Was sich an Wald aus dem Tal noch auf die höheren Gefilde erstreckt, wirkt karg und tot. Der Sehnsuchtsort ist ein solcher nur, solange er eine gesicherte Abgeschiedenheit von der zivilisatorischen Überforderung garantiert. Nimmt man deren Zeugnisse weg, bleibt bloß noch lebensfeindlicher Raum.

Ebenfalls fotografisch nähert sich Almut Linde dem Landschaftsbild unserer Zeit an. Ihr großformatiges Werk „Landschaft/Feuerpause“ rekurriert unverkennbar auf Caspar David Friedrich und seine zahlreichen Rückansichten diverser Landschaftsbeobachter. Suchte das Individuum der Romantik in der Natur noch seine eigene Verlorenheit – gewissermaßen als Reinigung von den Lasten der Aufklärung –, so dreht der Mensch des 21. Jahrhunderts den Spieß um und bemächtigt sich der Landschaft. Statt einsam meditierender Mönche und Wanderer steht bei Linde ein Elitesoldat der Bundeswehr in der norddeutschen Steppe: die Hände handlungsbereit auf Höhe der Hüfte, den Blick konzentriert zum Horizont gerichtet. Dieser Mann saugt die Welt nicht auf, er scannt sie ab, ein Wesen des Technologie-Zeitalters, das Natur als eine Aufgabe begreift, die es zu lösen gilt.

Überhaupt spielt Caspar David Friedrich, wenig überraschend, eine große Rolle in der zeitgenössischen Auseinandersetzung mit Landschaftsinszenierungen. Hiroyuki Masuyama etwa hat sein „Grab des Arminius“ (1813-1814) per Photoshop realistisch rekonstruiert. Die fantastische Höhle in der deutschen Waldwildnis mit einem zornigen Riss in der darüberliegenden Felswand, einst erdacht als trotziges Statement zur napoleonischen Besatzungsmacht, mutet nun an wie ein real existierendes Wanderziel irgendwo im Harz. So einfach lässt sich mit digitalen Hilfsmitteln eine reine Symbolästhetik in die Realität überführen. Aus Fiktion wird Tatsächlichkeit, aus einer Behauptung ein Beweis: das Landschaftsbild im Dienste politischer Interessen.

Zur Auseinandersetzung mit diesem geschichtsträchtigen Genre sind in der Bremer Ausstellung zwar einige interessante Ansätze zu finden. Ihnen allen gemein ist eine im erweiterten Sinne politische Perspektive: die in Motiv und Thema zum Ausdruck kommende Kritik an den Naturvorstellungen des urbanen Menschen.

Bedauerlich ist aber, dass der perzeptionelle Aspekt kaum Berücksichtigung findet. Was es bedeutet, wenn Menschen im Alltag kaum noch in die Ferne blicken, wenn sich ihre „Landschaftserlebnisse“ bloß noch aus Bildschirmen speisen, wenn der Begriff „Entfernung“ allenfalls die Strecke bis zum nächsten Straßenschild beschreibt und „Weite“ den Blickwinkel, der zur Abmessung des Großraumbüros genügt: Diese dringliche Frage wird nicht hinreichend erörtert. Angesichts des im Kunstbetrieb allgegenwärtigen Diskurses um den kulturellen Einfluss der Medienrezeption muss diese Leerstelle verwundern.

Unschuldig ist die Landschaft nie gewesen. Aber früher brauchte man wenigstens keinen Bildschirm, um sie zu sehen.

Bis zum 27. September in der Weserburg, Museum für moderne Kunst, Teerhof 20, Bremen. Öffnungszeiten: Di.-So. 11-18 Uhr, Do. 11-20 Uhr.

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