Polit-Patina: Bremer Weserburg zeigt Collage-Kritisches des katalanischen Künstlers Joan Rabascall

Eine Masse Medien

Joan Rabascalls Beitrag zu den Olympischen Spielen 1972 in München.

Von Rainer BeßlingBREMEN (Eig. Ber.) · Der Putschversuch dauerte nur Minuten und war nicht wirklich erfolgreich. Doch die Fernsehkameras liefen, als Oberst Antonio Tejero sowie zwei Hundertschaften der Guardia Civil das spanische Parlament stürmten und die Abgeordneten in Geiselhaft nahmen.

So strahlten Bilder von einem schnauzbärtigen, schießfreudigen Wüterich in die Welt aus, bevor der Sender die Übertragung kappen konnte. Dank einer deutlichen Parteinahme des Königs Juan Carlos für die Demokratie versandete der „Staatsstreich“ schnell. Der katalanische Künstler Joan Rabascall hat das denkwürdige Ereignis in einem Spielzeug ähnlichen Objekt festgehalten. Mit einem Klappmechanismus lässt sich eine Plastik-Kakerlake auf einen Miniatur-Fernseher torpedieren. Der Sturm der Schaben und das Schwarz der Mattscheibe treffen in dem schlicht witzigen Bild zusammen.

Der 1935 in Barcelona geborene Rabascall hat vor allem das frankistische Spanien karikiert und attackiert. Francos Werbefeldzug für eine „anderes Spanien“, der Touristenströme und Devisen ins Land spülen sollte, wird bei Rabascall zu einem doppelbödigem Spiel mit der Entlarvung des Klischees und Kalküls im Anti-Klischee-Feldzug.

Den Beginn der Demokratie würdigte der Künstler mit einem Dreiklang von fotografischen Projektionen: Links nackte Frauenkörper als Befreiungsakte und Belege für das Ende der Zensur. In der Mitte das spanische Volk auf der Straße und rechts Politiker-Porträts. Als frühlingslaue Klangkulisse läuft dazu Petula Clarks „Downtown“.

Doch nicht nur spanische Verhältnisse, die Rabascall von 1961 an aus dem Pariser Exil beobachtet hatte, speisten das Werk. Werbung, die Macht der Massenmedien, Krisen und Kriege in den aufbruchsschwangeren und Protest geladenen 60er Jahren regten den Künstler vor allem zu Collagen an.

Diese seit Dada wirkungsvolle Strategie zur Demaskierung brüchiger bürgerlicher Bilder und Welten baute Rabascall mit Fundstücken aus den einstigen Massenmedien Zeitung und Zeitschrift. Eine Ausstellung des Studienzentrums für Künstlerpublikationen in der Bremer Weserburg zeigt jetzt, dass sich dieses künstlerisch-kritische Unternehmen in der „Produktion 1964 – 1982“, so der prosaische Titel der Schau, über einen erstaunlich langen Zeitraum in großer formaler Kontinuität hinzieht.

Ikonen aus der Politik wie J.F. Kennedy, ein für die Freiheit der Raucher reitender Cowboy, der auch US-Künstler Richard Prince faszinierte, studentischer Aufruhr vom Pariser Mai 1968, Atompilze und immer wieder der weibliche, halbwegs unbekleidete Körper zwischen Werbeträger, Ware, Sexualobjekt, Kult und Befreiung treten in Rabascalls Ausriss-Ensembles auf.

Im repräsentativen Rahmen mit dekorativen Passepartouts recken sich die Fundstücke aus den massenmedialen Feldzügen auf Augenhöhe mit dem traditionellen Tafelbild. „Die Brüchigkeit der Erscheinungen“ wird im Mantel der Kunst und im Material der Gazetten zum kulturkritisch zugerichteten Thema.

In einer Serie von 61 kleinen Bildtafeln begegnen sich Muster und Materialstrukturen, abstrakte Formen und Bilderzählungen, Waren und Weiblichkeit zu einer flächigen Installation des visuellen Overkill. Ein Strom der Bilder prasselt in Bewusstsein und Bewusstheit zerstörender Parallelität und Gleichrangigkeit auf den Betrachter ein, so Rabascalls Bild der Wirklichkeit. Ob Waren- oder Kunstwelt, Politik oder Ornament, alles scheint gleich gültig. Wo ist da der Ort der Kunst?

Nicht nur mit Bausünden an der spanischen Küste hat sich Rabascall in Postkarten-Serien beschäftigt. Von einer Reise in Nordwestdeutschland hat der Katalane Fotografien von Stätten ehemaliger Konzentrationslager mitgebracht. Diese hat er dann mit den landläufigen Ansichtskarten der Region kombiniert.

Ausschneiden, zusammenkleben, kopieren und rastern, vergrößern und vergröbern, Grafik und Malerisches kreuzen, zum Kern vorstoßen und auf die Körnung setzen – mit vergleichsweise schlichten Verfremdungsstrategien und dem zeitgenössischen Zauberstab der Neu- und Re-Kontextualisierung stichelt Rabascall rebellisch und lakonisch lächelnd gegen den politischen Mainstream und die Warenstruktur des öffentlichen Bildraums – recht nahe bei Vostell oder Hamilton.

Die jüngste Ausstellung der Bremer Weserburg ist eingebettet in eine „Highlight“-Reihe anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Studienzentrums für Künstlerpublikationen. Sie trägt selbst Patina, eine politische und eine ästhetische.

(Bis 14. Februar, Katalogbroschüre)

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Corona-Testzentrum öffnet in Zeven

Corona-Testzentrum öffnet in Zeven

Thomas Schäfer ist tot – Sein Leben in Bildern

Thomas Schäfer ist tot – Sein Leben in Bildern

Überforderung im Sport vermeiden

Überforderung im Sport vermeiden

Warum Rasenroboter doch noch einen Gärtner brauchen

Warum Rasenroboter doch noch einen Gärtner brauchen

Meistgelesene Artikel

Rammstein-Video feierte spektakuläre Premiere - Jetzt ist der komplette Clip online zu sehen

Rammstein-Video feierte spektakuläre Premiere - Jetzt ist der komplette Clip online zu sehen

Dynamisches Brodeln

Dynamisches Brodeln

„Kostet Überwindung“

„Kostet Überwindung“

Seuche oder Tyrannei

Seuche oder Tyrannei

Kommentare