Eine Lucia der Extraklasse

Oldenburgisches Staatstheater präsentiert Donizetti-Oper „Lucia di Lammermoor“

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Sooyeon Lee beeindruckt als Lucia schon allein optisch, begeistert aber auch gesanglich.

Oldenburg - Von Erik Hermann. Zu den einleitenden Klängen des Orchesters sieht man eine Beerdigung. Lucia nimmt Abschied von ihrer Mutter. Am Arm geleitet wird sie von ihrem Verlobten Arturo, den sie aber nicht will, weil sie Edgardo liebt – sehr zum Verdruss ihres Bruders Enrico, der sich durch Lucias Verheiratung mit Arturo seine gesellschaftliche Stellung sichern will. Das Unglück ist also vorprogrammiert: Lucia ersticht in der Hochzeitsnacht im Wahn Arturo. Ihr geliebter Edgardo schaufelt sich am Ende buchstäblich sein eigenes Grab. Allerdings wird er in der Oldenburger Inszenierung von Stephen Lawless am Selbstmord gehindert, was aber trotzdem kein Happy End bedeutet.

Die Produktion von Gaetano Donizettis „Lucia di Lammermoor“ beschert vor allem musikalisch einen ungetrübten Genuss. Dafür sorgen nicht zuletzt Sooyeon Lee als Lucia und Vito Cristofaro am Pult des Oldenburgischen Staatsorchesters. Cristofaro arbeitet die Stärken von Donizettis Musik mit kraftvollem, temperamentvollem Zugriff heraus. Er zeigt sich dabei als subtiler Begleiter der Sänger, setzt aber mitunter auch fast knallige Akzente. Das Finale des zweiten Aktes mit dem hinreißenden Sextett ist an Dramatik kaum zu schlagen.

Ein weiterer Pluspunkt der musikalischen Wiedergabe ist, dass auch oft gestrichene Szenen hier Eingang gefunden haben. Dazu gehört das erste Bild des dritten Aktes, bei dem sich Edgardo und Enrico zum Duell verabreden, was im weiteren Verlauf aber keine Rolle mehr spielt. Ebenso wird das sonst nie gespielte große Duett zwischen Raimondo und Lucia vor dem Hochzeitsbild hier berücksichtigt.

Sooyeon Lee ist eine Lucia der Extraklasse. Bei ihrer Wahnssinnsszene scheint man zu spüren, wie dem Publikum der Atem stockt. Schon rein optisch beeindruckt sie auf einsamer Bühne mit blutbeflecktem Kleid und dem tödlichen Degen noch in der Hand. Gesanglich kann sie mit wunderbarem Piano, mit brillianten Koloraturen und anrührender Gestaltung restlos begeistern.

Daneben hat Jason Kim als Edgardo keinen leichten Stand, aber auch er kann mit den hitzigen Gefühlsausbrüchen, die er seinem höhensicheren Tenor abverlangt, und mit schönem Ausdruck in der letzten Szene überzeugen.

Kihun Yoon ist ein persönlichkeitsstarker, machtbewusster Enrico, Philipp Kapeller ein herrlich aufgeblasener Arturo und Tomasz Wija ein dezent agierender Raimondo. Der von Markus Popp einstudierte Chor zeigt sich von seiner besten Seite, wenn er nur nicht diese gewöhnungsbedürftigen Kostüme im karierten Schottenmuster (von Sue Willmington) tragen müsste.

Und damit sind wir bei der Inszenierung von Stephen Lawless, die sich ohne Mätzchen streng an die Vorlage hält. Das ist eigentlich eine gute Sache, aber hier wirkt alles doch etwas bieder und altmodisch, bis hin zur Chorführung, die reichlich pauschal bleibt. Natürlich hat Lawless auch ein paar Einfälle parat. Ob der ausgeweidete Hirsch dazu zählt, ist allerdings noch die Frage. Enrico und Edgardo greifen wiederholt zum Flachmann. Die Schotten werden hier als sehr trinkfreudig charakterisiert. Aber er lässt zur Einleitung des zweiten Bildes Lucia das Spiel an der Harfe imaginieren und erzeugt mit dem Bild eines nächtlichen, nebelverhangenen Friedhofs eine unheilvolle und gleichzeitig poetische Stimmung.

Durchgängig kann das Bühnenbild mit seinen verschiebbaren Wänden überzeugen. Nahtlos gehen die verschiedenen Schauplätze ineinander über und werden auch durch Lichtstimmungen oder Requisiten variiert. Die Entwürfe stammen noch von Benoît Dugardyn, der aber überraschend verstorben ist. Seinem Andenken war die Premiere gewidmet. Die Ausführung seiner Entwürfe hat Lionel Lesire übernommen. Insgesamt ist diese „Lucia di Lammermoor“ durchaus lohnend.

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