Die Zusammenstellung „Two Tribes“ bringt Musiker aus Europa und Afrika zusammen

Eine kleine Provokation

Tobi Kirsch Foto: Julia Bartsch

Bremen - Von York Schaefer. Schon 1993 hat der britische Soziologe und Kulturwissenschaftler Paul Gilroy in seinem Buch „The Black Atlantic“ einen offenen Kulturbegriff geprägt, der sich loslöst von Ethnizität, Nation und festem Territorium. Gilroy sprach zudem vom Open-Source-Charakter schwarzer Kulturen und einer neu reflektierten Rolle der schwarzen Diaspora in der westlichen Welt. Eine Theorie der Vielfalt, der Stilhybride, des Austausches, des Gebens und des Nehmens, die man in Bezug auf Musik sehr schön anwenden kann auf die jüngst erschienene Compilation „Two Tribes – An intercontinental journey in rhythm“.

Schon der Titel ist eine kleine Provokation, da es hier um Kooperationen zwischen afrikanischen und europäischen Musikern geht – und wann wurden Europäer zuletzt als „tribes“, also als Angehörige eines Stammes bezeichnet?

„Die Idee für die Compilation entstand aus der Entdeckung, dass es spannend ist, wenn Musiker vom afrikanischen Kontinent mit Europäern musizieren und daraus etwas Neues entsteht“, erklärt der Berliner Musikpromoter Tobi Kirsch, der „Two Tribes“ zusammen mit Ubbo Gronewold aus Mannheim kompiliert hat.

„Es war entscheidend für uns, dass die Musik nicht einfach afrikanische Stile eins zu eins kopiert, sondern eine Brücke schlägt zwischen dem musikalischen Erbe beider Kontinente“, sagt Kirsch. Ein gelungenes Beispiel dafür ist die Kooperation zwischen dem ghanaischen Musiker Blay Ambolley und dem Berliner Dub-Produzenten Aldubb. Ambolley, in Ghana mit ähnlich legendärem Status versehen wie etwa Ebo Taylor, war schon immer ein stilistischer Grenzgänger. Der Multiinstrumentalist spielte in der Uhuru Dance Band und war an der Entstehung von westafrikanischem Hiplife, einer Mischung aus Highlife und Hiphop, beteiligt. Nach fast 20-jähriger Pause hat er 2017 auf dem Label Agogo Records ein Album veröffentlicht, auf dem auch der Song „Walk For Ground“ ist. „Da wir es gut fanden, auch einen Dub-Track auf der Compilation zu haben, haben wir Aldubb um einen Remix gebeten“, erzählt Tobi Kirsch. Herausgekommen ist ein trippig-verhallter Acht-Minuten-Track aus der Dub-Echokammer mit afrikanischen Gesangslinien.

Auch der Berliner Saxophonist Johannes Schleiermacher ist ein musikalischer Globetrotter, der sich auf diversen Reisen in afrikanische Länder wie Marokko, Äthiopien und Mali von den dortigen Musikstilen hat inspirieren lassen. „Die Ideen, die ich aus afrikanischer Musik schöpfe, sind die Art und Weise, wie sich dort einzelne Stimmen in einem Groove verzahnen“, sagt Schleiermacher, der aus dem Jazz kommt und unter anderem im Quartett von Gunter Hampel das Gefühl für musikalische Freiheit gelernt hat. Der Song „I don’t like it I don’t hate it“ von seiner Band Onom Agemo & The Disco Jumpers auf der „Two Tribes“-Compilation schöpft aus den rhythmisch scharf akzentuierten Riffs westafrikanischer Highlife-Musik. „Viele meiner Kompositionen funktionieren nach einem ähnlichen Prinzip. Sie sind sehr repetitiv und die einzelnen Instrumente spielen Stimmen, die erst zusammen Sinn machen“, erklärt Schleiermacher, der sich längst von musikalischen Reinheitsvorstellungen gelöst hat. „Wir haben nie versucht, afrikanische Musik nachzumachen“.

Ein weiteres Beispiel afro-europäischer Zusammenarbeit, in der Tradition und Moderne leichthändig zusammenfließen, ist der Song „Zvichapera“ des französischen Multiinstrumentalisten und Produzenten Gary Gritness mit Jacob Mafuleni aus Simbabwe. Dessen traditionelle Musik mit der Mbira, dem Daumenklavier, erweitert Gritness mit flirrender Elektronik zu einem hypnotischen und organischen Sound. „Europäische Musikkultur war nie eine in sich geschlossene Angelegenheit, im Gegenteil, sie hat immer schon Einflüsse aus aller Welt integriert“, weiß Tobi Kirsch, dem es bei „Two Tribes“ auch darum ging, die kulturell positiven Effekte von Migration aufzuzeigen. Musik ohne „ethnischen Absolutismus“ also, um es noch einmal mit Paul Gilroy zu sagen.

Weiterhören:

Am Freitag, 22. März, 21 Uhr, präsentiert das DJ-Kollektiv „African Bar Tunes“ die Kompilation „Two Tribes“ mit DJ Tobi Kirsch im Liftcafé, Weberstraße 18, Bremen.

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