Eine globale Bewegung

Deutsche Kammerphilharmonie Bremen feiert zehn Jahre Zukunftslabor

+
„Der ganze Stadtteil ist musikalisch infiziert“: Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen feiert 10 Jahre Zukunftslabor.

Bremen - Von Wolfgang Denker. Der Weg ist das Ziel – dieses Konfuzius-Zitat trifft auch auf das Projekt Zukunftslabor zu. Als die Deutsche Kammerphilharmonie im April 2007 ihre Probenräume in der Gesamtschule Bremen-Ost im Stadtteil Tenever bezog, entstand wenig später genau jene „Wohngemeinschaft“ von Schülern und Musikern, in der beide Gruppen Schul- und Arbeitsalltag ein Stück weit teilen. Ein Projekt, aus dem sich schnell weitere Formate entwickelten, wie beispielsweise die „Stadtteil-Oper“ oder der „Club 443 Hz“.

Im Mittelpunkt des „Zukunftlabors“ steht dabei ganz klar der Arbeitsprozess der Deutschen Kammerphilharmonie mit benachteiligten Jugendlichen des Stadtteils, um deren individelles Potential weiter zu stärken. In Tenever leben immerhin mehr als 80 verschiedene Nationalitäten.

Albert Schmitt, der Geschäftsführer der Deutschen Kammerphilharmonie, beschreibt die Wirkung des Zukunftslabors so: „Der ganze Stadtteil ist inzwischen musikalisch infiziert. Hier ist der Nukleus, aber es werden immer mehr involviert. Und es kommen Einflüsse aus allen Nationalitäten zusammen.“ Das Projekt habe mittlerweile eine globale Bewegung ausgelöst. Denn im Bremer Osten sei eine Kraft entdeckt worden, die in jenem Moment geweckt werde, in dem Schule und Orchester zusammenarbeiten. Eine Entdeckung, die mittlerweise weltweit beachtet wird – auch die BBC berichtete bereits über das „Zukunftslabor“.

Unzählige Preise für das Projekt

Doch nicht nur das. „Wir haben, finanziert von der Kulturstiftung des Bundes, Gäste gehabt aus dem Oman, aus Australien, aus Houston, aus England. Sie kommen hier nach Tenever, um zu erfahren, wie das geht, wie man diese Kräfte entfesseln kann“, berichtet Schmitt weiter.

Das Projekt ist mit unzähligen Preisen bedacht worden, darunter dem Zukunftsaward, dem Echo Klassik, dem Vision Award, dem Würth-Preis der Jeunesse Musicale Deutschland und im letzten Jahr dem Deutschen Engagement Preis. Dass sich inzwischen mehr als 50 Prozent aller 1 300 Schüler der Gesamtschule-Ost am Zukunftslabor beteiligen, spricht überdeutlich für die motivierende Arbeit des Orchesters – und das Engagement der Lehrer. Aber auch die Zusammenarbeit mit den Eltern und den vielen ehrenamtlichen Helfern sei für das Projekt wichtig, betont Lea Fink, Leiterin des Zukunftslabors. Bei den Schülern gehe es vor allem darum, ihnen zu zeigen, wie sie eigenverantwortlich und selbständig agieren – in diesem Fall eben mit der Musik als Werkzeug. Aber natürlich reichen die Kompositionen allein nicht aus, auch das Ensemble der Kammerphilharmonie bringt sich in den Prozess mit ein und übernimmt sogar Patenschaften für einzelne Schüler.

Zehn Jahre Zukunftslabor – Grund genug für ein großes, von Anne Kussmaul moderiertes Jubiläumskonzert mit 200 Mitwirkenden in der Aula der Gesamtschule Bremen-Ost. Dazu gehören die GSO-Bläser, die Mitglieder des arco-Orchesters und viele Schüler aus den einzelnen Kursen. Vielfältige Mitwirkende, die einen Querschnitt aus den verschiedenen Formaten des Zukunftlabors präsentieren. So gibt es zu Beginn den Walzer Nr. 2 aus der Jazz-Suite von Schostakowitsch, ein türkisches Lied und mit „Glühwürmchen“ ein von dem Lehrer Henning Grossmann komponiertes reizvolles Orchesterstück.

Aus der Klasse von Thomas Kelch kommt ein für die Verleihung des Bremer Friedenspreises 2011 entstandenes Lied mit der beziehungsreichen Zeile „Wir sind die Welt, wir sind die Kinder“. Zur von Barbara Rucha dirigierten Musik von Mahler und Händel bekommen die Zuschauer in einer Dia-Show einen Rückblick auf die bisherigen sieben Stadtteil-Opern zu sehen, bei denen jeweils ein Land (Deutschland, Ghana, Polen, Russland, Vietnam, Iran und die USA) mit Mittelpunkt stand.

Lehrer der Schule glänzen mit ihrer Band „Hot Pads

Außerdem singen Kinder gekonnt das heitere Lied „I bought me a cat“ von Aaron Copland, das sie durch ein Konzert von Thomas Hampson mit der Kammerphilharmonie kennengelernt haben. Aus dem Format „Club 443 Hz“, bei dem die Teilnehmer „alles, was Spaß macht“, probieren, kommt das pfiffige „Clowns und Kinder“ von Alfred Schnittke, bei dem sich das Mitmach-Orchester bei den Musikern der Kammerphilharmonie einreiht.

Die Lehrer der Schule glänzen mit ihrer Band „Hot Pads“ („heiße Pädagogen“) ebenso wie die Bigband der Gesamtschule. Mark Scheibe, der Leiter des Formats „Melodie des Lebens“, bei dem die Schüler eigene Songs entwickeln, sammelt vor der Pause Stichwörter aus dem Publikum, aus denen sie ein hinreißendes Tango-Lied zaubern. Und auch in diesem Moment gibt es echte Talente zu entdecken, wie sich etwa beim eindrucksvollen Auftritt von Angel Augustino mit einem berührenden Song erweist.

Als Gäste kann das Publikum Mitglieder des tunesischen Nationalorchesters erleben, die zusammen mit der Kammerphilharmonie von faszinierendem Klang und Rhythmus getragene Gesangs- und Orchesterstücke präsentieren. Ausgesprochen gelungen ist auch die originelle Version der 2. Ungarischen Rhapsodie von Franz Liszt, bei der fast alle Mitwirkenden auf der Bühne versammelt sind.

Das Projekt Zukunftslabor ist einer der besten Beiträge, die man zur Integration leisten kann. Da bekommt die Zugabe mit dem Lied „Tenever ist schön“ gleich eine doppelte Bedeutung.

Das Konzert wird am Freitag um 19.30 Uhr in der Gesamtschule Bremen-Ost, Walliser Str. 125 wiederholt. Dann ist auch Etta Scollo als besonderer Gast angekündigt.

Das könnte Sie auch interessieren

Hier müssen Sie jetzt draufzahlen - und wo Sie viel sparen können

Hier müssen Sie jetzt draufzahlen - und wo Sie viel sparen können

Neue FC-Bayern-Dienstwagen: Ein Star erstaunlich PS-bescheiden - ein anderer fährt Hybrid

Neue FC-Bayern-Dienstwagen: Ein Star erstaunlich PS-bescheiden - ein anderer fährt Hybrid

Diese 10 Dinge sollten Sie aus Ihrer Küche entfernen

Diese 10 Dinge sollten Sie aus Ihrer Küche entfernen

Entwarnung nach Terrorangst in Londons Einkaufsviertel

Entwarnung nach Terrorangst in Londons Einkaufsviertel

Meistgelesene Artikel

„Touch me“ feiert in der Schwankhalle Bremen-Premiere

„Touch me“ feiert in der Schwankhalle Bremen-Premiere

Bartholdy Quintett bei den Kammerkonzerten: Trauer ausweglos

Bartholdy Quintett bei den Kammerkonzerten: Trauer ausweglos

Tilo Nest inszeniert in Hannover „In 80 Tagen um die Welt“

Tilo Nest inszeniert in Hannover „In 80 Tagen um die Welt“

Altern zwischen Vergänglichkeit und Reife

Altern zwischen Vergänglichkeit und Reife

Kommentare