Kunst vom Fließband: Das Studienzentrum der Bremer Weserburg zeigt Werke von Dmitrij Aleksandrovic Prigov

Eine ganz persönliche Variante der Planwirtschaft

Das heilige Moskau brennt: Dmitrij Aleksandrovic Prigov als Militarist.

Von Johannes BruggaierBREMEN · Unter der Offiziersmütze wird eine Sonnenbrille sichtbar, im Mundwinkel steckt eine Kippe: So sieht ein strammer Sowjet-Offizier aus. Doch dann spricht der Mann auf dem Video plötzlich über seine Heimat.

Darüber, dass das „heilige Moskau wieder brennt“. Und davon, dass es besser sei, „nicht in Moskau zu leben, nur zu wissen, dass es existiert“. So hört sich ein verzweifelter Künstler an.

Für Dmitrij Aleksandrovic Prigov waren die militaristischen Symbole und Rituale des Sowjetreichs Anstoß für den Widerstand. Einerseits. Andererseits waren sie auch ein Anker: ein konzeptuelles Angebot an einen Künstler, der mangels Zugang zu einer öffentlich kritischen Kunstszene, nach Leitplanken für die tägliche kreative Arbeit suchte. Eine dieser Leitplanken fand sich im allzeit gelobten Produktionsbetrieb des Arbeiterstaats. Drei Gedichte galt es zu schreiben, Tag für Tag – so jedenfalls sah Prigovs ganz persönliche Variante der Planwirtschaft aus. Unverdrossen dichtete er drauf los; ganz gleich, ob seine Texte einen Abnehmer fänden oder nicht. Das Ergebnis mutet an wie ein strategisch durchgeplanter Gegenentwurf zur sozialistischen Propaganda: eine Fließbandware zwar, aber eine lyrische, introvertierte, eine, die lauter Selbstzweifel und Pessimismus zur Geltung bringt. Das alles vorgetragen, ausgerechnet von einem Mann des Militärs.

Das kleine Theaterspiel auf Video gehört zu den fasslichsten Werken der Ausstellung in der Weserburg: zu jenen, die in der historischen Rückschau noch verstehbar sind.

Andere Arbeiten bedürften einer ambitionierteren Einordnung. Zu unklar bleibt die politische Haltung Prigovs, zu vage deshalb auch die Motivwahl seiner Skizzen. Das überdimensionierte Auge etwa, aus dem rote Tränen rinnen: Es wird wohl um den Untergang des Sozialismus gehen. Die Putzfrau, die beim Anblick dieser Erscheinung andächtig in die Knie geht: UdSSR-Nostalgie als neue Religion?

Ratlos nimmt man textlich verfremdete Zeitungen zur Kenntnis, Übersetzungen sind in dieser Ausstellung Mangelware. Überzeugend allenfalls noch eine Grafik-Serie aus dem Jahr 1977. „Fenster“ lautet der Titel des ersten Teils, zu sehen ist ein offener Kubus, in dessen Rückwand eine Klappe aufgeht. Teil zwei der dreiteiligen Reihe trägt den gleichen Titel, nun aber mit der Hinzufügung „(Schrecken)“. Die eben noch leere Klappenöffnung ist jetzt mit eben diesem Begriff gefüllt, der Schrecken kommt durch die Rückwand. Letzte Episode: „Fenster (Schrecken, Schrecken)“. Zahlreiche Klappen haben sich jetzt geöffnet, jede von ihnen gibt das Wort „Schrecken“ frei: kein Entrinnen aus dem Kubus des allgegenwärtigen Schreckens. Ein schlichtes wie schlüssiges Zeugnis des angstgetränkten Alltags im Sowjetreich.

Bis 27. März 2011 in der Weserburg. Öffnungszeiten: Di., Mi. und Fr. 10-18 Uhr, Do. 10-21 Uhr, Sa. und So. 11-18 Uhr.

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