Künstlerhaus Bremen befasst sich mit der Ähnlichkeit

Eine Frage des Gesichts

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Hinter dem Vorhang geht’s weiter: Im Künstlerhaus Bremen wird zurückgeglotzt. 

Bremen - Von Hannah Wolf. Die neun Positionen der Ausstellung „Wie werden wir uns wiedererkennen“ im Künstlerhaus Bremen kreisen um die Frage der Ähnlichkeit. Gemeinsam ist ihnen, dass sie alle ein mehr oder weniger konkretes Gesicht nutzen, um diese Frage zu stellen. In Gesichtern erkennen wir uns wieder, sie dienen der Identifikation. Wo also stehen wir, wenn wir uns vor die Arbeiten begeben?

Nicolas Partys „Yellow“ und „Blue Portrait“ glotzen uns dumpf an, und wir glotzen zurück. Die zwei Figuren „Givers and Takers“ von Nicole Wermers bleiben rätselhaft: zwei Köpfe mit Hut, bestehend aus einer Dunstabzugshaube und einem verkehrtherum angebrachten Handtrockner. Ihrer Funktion enthoben rauschen sie nicht, sondern sind hermetisch abgeschlossen, abweisend und schweigend.

Gesprochen wird in Marie Voigniers fünfteiliger Videoarbeit „Going for a walk“ viel. Eine Synchronsprecherin erzählt von ihrem Arbeitsalltag: Sprechen nicht nur als „etwas sagen“, sondern als Nachahmung. Dabei sehen wir zugleich dem Altern einer Frau zu, denn auf jedem Bildschirm wird die gleiche Geschichte erzählt, allerdings unterschiedlich präsentiert. Die Protagonistin ist erst spontan und witzig, dann sich selbstbewusst in der Welt verortend, schließlich so verzagt und gebrochen, dass die Erzählung aus dem Off von einer anderen Stimme über das Bild der Erzählerin gelegt werden muss, bis sie schließlich durch eine jüngere Version ersetzt wird. Zum Schluss sind nur noch der Wald und der angrenzende Tagebau zu sehen, die Frau hat sich aufgelöst, ihr ist nicht mehr als das Leben passiert.

Die beiden Videoprojektionen, die im hinteren Teil des Ausstellungsraums hinter einem Vorhang versteckt sind, sind deutlich selbstbezogener, doppelbödiger. Die halbstündige Doppelprojektion des Künstlerduos Kirschner/Panos „He Doesn’t Know You Don’t Love Him“ zeigt Schauspielschüler, die sich in wechselnden Paaren Sätze zuwerfen. Sind es erst profane Beobachtungen („You’ve got short hair”, „I’ve got short hair“), werden sie immer persönlicher („You look suspicious“, „I look suspicious“), bis irgendwann fremder Text gesprochen wird („He doesn’t know you don’t love him“, „He doesn’t know I don’t love him“). Die Sätze werden mehrfach, jeweils aber in einer anderen Modulation wiederholt. Die Spielenden sind Betrachtete und Betrachtende zugleich. Den Szenen folgend wird man zum Voyeur.

Unverständlich, esoterisch, inhaltlich präzise 

Vor „La molecule (in the screen)“ von Stefanie Knobel ist der Zuschauer hingegen verloren. Eine junge Frau im spacigen Sportdress vollführt vor einer komplizierten Spiegelkonstruktion, die sie zerteilt und verdreifacht, Turnübungen. In der Spiegelung sind immer wieder zwei ihr nachempfundene Körper zu sehen – um sie kreisende Atome, die auf ihre Bewegungen reagieren. Darüber liegt eine Frauenstimme, zwischen Kommentar, Aufforderung und einer szenisch fremden Erzählung. Textfragmente wiederholen sich, werden neu zusammengesetzt. Passen sie zu den entfernt an Yoga erinnernden Bewegungen der Turnerin, sind sie unverständlich, esoterisch, sind sie inhaltlich präzise, passen sie nicht zum Bild, ergeben dennoch zusammen eine Einheit. Ist dieser Kosmos noch so verlockend, bleibt man doch verwirrt außen vor. Kommt man wieder hinter dem Vorhang hervor, blickt man auf Naama Arads Arbeit „Girl“: ein Waschbecken, darüber die konstruktivistische Zeichnung eines Gesichts. Das eigene Spiegelbild: ein Moment der Selbsterkenntnis. Das Ich, aber zersprungen.

„Wie werden wir uns wiedererkennen“ ist eine Frage, die man sich stellt, wenn man geht und nicht weiß, wie es sein wird, sollte man sich wiedersehen. Mit dieser Ausstellung verlässt Fanny Gonella, die künstlerische Leiterin des Künstlerhauses, Bremen. Mit dieser Ausstellung wird sie im Anschluss ihre neue Tätigkeit in Metz am FRAC Lorraine beginnen. Zieht man mit einer Ausstellung um, verändert auch sie sich, bleibt nicht mehr die gleiche, ist sich selbst nur noch ähnlich.

Bis 28. Januar, mittwochs bis sonntags, 14 bis 19 Uhr, Künstlerhaus, Am Deich 68 / 69, Bremen.

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