Verdis „Requiem“ als Beitrag der Bremer Philharmoniker zum Musikfest Bremen

Eine Explosion, die unter die Haut geht

Dröhnender Bass: Ildebrando d'Arcangelo.

Von Ute Schalz-LaurenzeBREMEN (Eig. Ber.) · Die Glocke schien auseinanderzubrechen, als der lettische Chor „State Choir Latvija“ und die Bremer Philharmoniker das „Dies Irae“ aus Giuseppe Verdis „Messa da Requiem“ so richtig explodieren ließen.

Mit unglaublicher Wucht jagte Generalmusikdirektor Markus Poschner die „heulende“ Chromatik durch den Raum und großartig wurde das gewaltige Raumcrescendo im „Tuba Mirum“ mit den Bläsern auf den Emporen entwickelt.

Die immer wieder gestellte Frage, ob dieses Werk nicht eine verkappte Oper, gar Verdis größte, sei, erledigte sich wie von selbst. Denn der liturgische Text ist in sich zutiefst dramatisch, formuliert in seinen emotionalen Kontrasten zwischen äußerster Angst und größter Zuversicht nahezu alles, was die menschliche Seele jenseits konfessioneller Zugehörigkeiten fühlen könnte.

Verdi hatte sich in zahlreichen Briefen immer wieder über die Selbstherrlichkeit der Dirigenten und SängerInnen, über deren Missachtung des Notentextes beklagt. Bei Poschner, der mit der ausverkauften Aufführung eine eigene Perle zum hochkarätigen Musikfest beisteuerte, hätte er dies nicht müssen. Poschner forderte allen und sich selbst alles ab und es entstand eine ungemein vitale Aufführung, die noch lange im Gedächtnis haften bleiben wird.

Schon die pianissimo-Einleitung ließ das Kyrie in den gedämpften Geigen sozusagen aus dem Nichts kommen und allein der akustische Raum zwischen dieser Stelle und den Explosionen schien endlos. Auch der Mut, viele Stellen ins Geräuschhafte kippen zu lassen, beeindruckte durch hochfifferenzierte Instrumentalsoli. „Äußerst leise, mit düsterer Stimme und sehr taurig“ schreibt Verdi an einer Stelle und all dieses war unter die Haut gehend umgesetzt.

Nach Verdis Forderung dürfen die SolistInnen eins nicht: wie Opernarien singen. Und das war bei den vieren, wenn auch unterschiedlich, leider doch ein wenig der Fall und Poschner hatte sichtlich Mühe, die vier in das Gesamtkonzept einzubringen, so aufgesetzt solistisch und mit viel Vibrato – inzwischen doch ein erheblich veralterter Gesangsstil – gebärdeten sie sich anfangs. Einer kam da meist recht dröhnend nicht mehr raus, das war der Bass Ildebrando d'Arcangelo. Die Sopranistin Olga Mykytenko wurde immer besser und ihr in vierfachem pianissimo gesungenes hohes b kam makellos. Die superdramatisierende Altistin Marina Prudenskaja blieb weitgehend bei ihrem recht bombastischen Stil, war aber ausdruckmäßig teilweise auch sehr schön.

Nachdem der Tenor Fernando Portari die Hörer mit einem stark forciertem Kyrieruf erschreckt hatte, fand er sich zunehmend in die so ebenso differenzierte wie facettenreiche Aufführung: sein belcantistisch geführtes „Hostias“ hatte entsprechend dem Text geradezu geheimnisvollen Zauber.

Besonderen Beifall durfte zu Recht der Chor entgegennehmen, dann aber auch das Orchester und Poschner, der mit inzwischen gewohnter Überlegenheit und Klangschönheit die komplexe Partitur entfaltete, die noch vor hundert Jahren als „romanische Barbarei“ empfunden wurde.

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