Bloß keine Anrührung: Lars-Ole Walburg inszeniert in Hannover Georg Kaisers „Der Silbersee“

Eine CD-Aufnahme hätte es auch getan

Weill mit Clownsnummern: Das Staatsschauspiel Hannover hat Georg Kaisers „Silbersee“ wiederentdeckt.

Von Jörg WoratHANNOVER · Einen kleinen Edelstein hat das Staatsschauspiel zutage gefördert. Und wenn man ihn auch noch angemessen poliert hätte, wäre aus der Premiere von „Der Silbersee“ vielleicht ein schöner Abend geworden. So aber blieb nach gut zweieinhalb Stunden im Schauspielhaus ein fader Beigeschmack zurück.

Sehr häufig ist das Stück von Georg Kaiser mit Musik von Kurt Weill nicht auf den Spielplänen zu finden. Das hat nicht nur damit zu tun, dass dieses so genannte „Wintermärchen“ kurz nach der Uraufführung im Jahre 1933 abgesetzt wurde – die Nazis witterten, nicht zu Unrecht, politische Anspielungen. Das Stück entzieht sich aber auch einer eindeutigen Zuordnung: Für eine Oper enthält es vergleichsweise viel Text, für ein Schauspiel wiederum ist es musikalisch zu anspruchsvoll, weil zumindest einige Rollen echte Sangeskünste erfordern.

Die Geschichte hat in der Tat etwas Märchenhaftes. Der Hungerleider Severin stiehlt aus purer Not eine Ananas und wird vom Polizisten Olim angeschossen. Den packt daraufhin die Reue, und nach einem Lottogewinn nimmt er den Verwundeten bei sich auf, der allerdings nicht weiß, dass sein Gönner einst der Todfeind war. Für weitere Verwirrung sorgt Olims Haushälterin von Luber, Sinnbild des entmachteten Adels: Sie zettelt eine Intrige an und reißt schließlich die Herrschaft wieder an sich. Olim und der inzwischen über die wahren Verhältnisse aufgeklärte Severin fliehen gemeinsam, der neuen Freundschaft scheint indes ein jähes Ende beschieden, als beide am Silbersee in die Enge getrieben werden – doch das Gewässer friert, mitten im Sommer, wundersamerweise zu.

Intendant Lars-Ole Walburg hat höchstselbst die Regie übernommen, und wieder einmal macht sich eine Attitüde bemerkbar, die nicht nur in den eigenen Inszenierungen, sondern auch in vielen anderen seit Walburgs Amtsantritt zum Beginn der vergangenen Spielzeit durchscheint und die irgendwo im Spektrum zwischen Ironie und Zynismus einzuordnen ist. Jedenfalls gilt es offenbar um jeden Preis zu verhindern, dass der Besucher irgendwie ernsthaft angerührt werden könnte.

Unklar bleibt allerdings, warum man einen Stoff, der sich märchenhafter Motive bedient, ironisieren sollte, wodurch ja auch seine durchaus bedenkenswerten Hintergründe in Frage gestellt werden. Es hat schon etwas von Spielastik an sich, wenn immer mal wieder ein unmotiviertes Tänzchen eingeschoben wird, eher Karikaturen als Figuren auftreten oder die Begegnung von Olim und Severin an dessen Krankenbett zur – nicht einmal sorgfältig durchchoreographierten – Clownsnummer mutiert.

Auch die Auftritte von Schauspielerin Sachiko Hara sind inzwischen bekannt und mit immer demselben Verfremdungseffekt verbunden. Die bedauernswerte Japanerin, die in Sachen Mimik und Körperarbeit eine Menge zu bieten hat, ist und bleibt nun einmal über weite Strecken unverständlich – was diesmal sogar noch hervorgehoben wird, indem man die Artikulation der besten Pointe in der Caesar-Ballade („Et tu, Brute! rief er auf lateinisch, wie es dort die Landessprache war“) offenkundig besonders eingeübt hat.

Pluspunkt des Abends bleibt die Musik. Weill-typisch zwischen Choral, Trauermarsch oder Schlager changierend, erreicht sie mindestens das Niveau der „Dreigroschenoper“ und wird ebenso frisch wie präzise vom „Orchester im Treppenhaus“ unter Dirigent Thomas Posth umgesetzt. Martin Vischer als Severin singt herausragend, Andreas Schlager in der Rolle des Olim und Beatrice Frey als Frau von Luber wissen leichte stimmliche Defizite souverän zu kompensieren. Böse gesagt, hätte es also eine CD-Aufnahme auch getan.

Weitere Vorstellungen: am 25. März sowie am 8. und 13. April, jeweils um 19.30 Uhr im Schauspielhaus Hannover.

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