INTERVIEW Betriebsarzt Enno Liebenthron über Corona-Sicherheit im Theater Bremen

„Ein Spagat, der manchmal schwer auszuhalten ist“

Betriebsarzt Enno Liebenthron.
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Betriebsarzt Enno Liebenthron.

Bremen – Wenn heute Abend im Kleinen Haus am Goetheplatz eine Bühnenfassung von Anke Stellings Roman „Schäfchen im Trockenen“ Premiere feiert, hat auch Enno Liebenthron aufregende Monate hinter sich. Als Betriebsarzt ist er unter anderem für das Theater Bremen zuständig. Wie Kunst in Corona-Zeiten auf die Bühne kommen kann, hat er uns im Interview erzählt.

Können Sie noch ruhig schlafen?

Es ist immer eine Frage der individuellen Angst vor einer Erkrankung. Zum anderen gibt es Menschen, die täglich die Infektionszahlen betrachten und die Medieninterpretationen dazu, die derzeit wieder sehr alarmistisch sind. Ich schlafe, wenn ich nicht gut schlafe, sicherlich nicht schlecht wegen Corona.

Sie müssen sich allerdings berufsbedingt auch über die Infektion von anderen Gedanken machen.

Das ist richtig. Aber die Arbeit nehmen mir andere ab: Politische Interpretationen aufgrund wissenschaftlicher Einschätzungen führen zu relativ strikten Regeln – vor allem, was das Zusammensein in der Öffentlichkeit betrifft. Theater haben relativ klare Regeln, was sie tun und vor allem nicht tun dürfen. Das bedeutet extreme Restriktionen. Und das A und O ist: Sind Menschen in meinem Umkreis infiziert oder nicht. Das kann man eben nicht immer wissen. Das ist das Risiko, mit dem wir leben.

Was sind die wichtigsten Maßnahmen, um den Theaterbesuch zu einer einigermaßen sicheren Sache zu machen?

Man geht im Moment davon aus, dass durch Masken der Tröpfchenausstoß der Menschen, die sich zu nahe kommen könnten, zumindest verringert werden kann. Bis Vorstellungsbeginn herrscht also Maskenpflicht, danach dann auch wieder. Ansonsten ist es vor allem der Abstand von 1,50 Meter, der zwischen den Zuschauern eingehalten werden soll. Akteure auf der Bühne singen oder sprechen exzessiv. Singen scheint, wenn man die Vorschriften liest, im Moment das Gefährlichste überhaupt zu sein, weil man davon ausgeht, dass dabei extrem viel Aerosole ausstoßen werden. Bei Konsonanten, die auch im Sprechtheater besonders akzentuiert ausgesprochen werden sollen, wird zwangsläufig schnell Luft ausgestoßen. Da besteht sicherlich die Gefahr, dass Luftbestandteile weiter getragen werden. Zumal sich Aerosole in geschlossenen Räumen offenbar lange in der Luft halten können. Größere Tröpfchen, die man ja auch im Scheinwerferlicht sehen kann, fallen nach ein paar Metern zu Boden. Wer da im Sprühnebel sitzt und ihn einatmet, hat eine gute Chance, an dem Virenreservoir zu partizipieren. Hier gilt es Abstand zu halten – sechs Meter zwischen Akteur und Publikum werden empfohlen. Dieser Begriff Aerosol, der nun aufgekommen ist, beinhaltet das Modell, dass Viren auch an wesentlich kleineren Partikeln haften und wesentlich länger schweben. Das kennt man auch von Windpocken, die, das sagt der Name schon, sich sehr schnell über die Luft übertragen.

Der Sommer ist nun bald vorbei. Man kann im Theater nicht regelmäßig alle Türen aufmachen und für Durchzug sorgen. Was macht man da?

Die Kapazitäten im Zuschauerraum wurden deutlich begrenzt. Die liegen derzeit bei rund 20 Prozent. Dann gibt es Vorgaben, die auch schriftlich gefasst sind, wie die Luft im Saal frischgehalten werden soll, so durch einen höheren Umsatz der Klimaanlage und Messungen des CO2-Werts, der als Parameter genommen wird für die Reinheit der Luft. Akteure auf der Bühne sollen möglichst weit auseinanderstehen, auch als Schutz voreinander. Gefordert sind 20 Quadratmeter pro Akteur. Viele Opern können so nicht aufgeführt werden. Die Restriktionen bedeuten auch, dass Chöre derzeit nicht wie gewohnt auftreten und kaum proben können.

Das ist natürlich auch ein Eingriff in die Kunst. Gab es da Widerstand im Haus?

Es gibt eine Auflistung unterschiedlichster Handlungsempfehlungen verschiedener Berufsgenossenschaften und Verbände, die sich dazu geäußert haben, wie in verschiedenen Arbeitsbereichen Corona-Regeln eingehalten werden sollen. Diese sind quasi Gesetz, wie die Maskenpflicht im Supermarkt. Widerstand – nein. Eher Verzweiflung, wie denn unter diesen Umständen überhaupt noch etwas geprobt und aufgeführt werden kann. Meine Rolle als Betriebsarzt ist da die eines Beraters. Angesichts der unzähligen Handlungsempfehlungen werde ich gefragt, was denn wie doch noch gehen kann und wie man was interpretieren soll. Da ist unglaublich Papier beschrieben worden.

Und einmal die Woche kommt etwas Neues dazu?

Was regelmäßig neu ist, ist die Bremer Coronaverordnung. Da wird immer wieder neu justiert, wie viele Menschen zum Beispiel im privaten Rahmen zusammenkommen dürfen. Was ich beobachte, ist eine relativ große Diskrepanz zwischen dem, was im privaten Rahmen erlaubt ist, und dem, was im beruflichen Leben und im Theater erlaubt ist. Diese ist in der Bevölkerung immer schwerer zu vermitteln und das macht das Arbeiten nicht gerade leichter. Sport ist mit bis zu 50 Leuten ohne Sicherheitsabstand möglich, singen nicht. Da kann mir niemand erzählen, dass das alles wissenschaftlich begründet ist.

Wann haben Sie das letzte Mal am Hygienekonzept nachjustiert?

Das Theater ist ja gerade aus der Spielzeitpause zurück. Wir haben zuletzt richtig dran gesessen im Juni, um Details zu besprechen, und nun jetzt wieder. Was aber nicht bedeutet, dass in den Abteilungen zwischenzeitlich nicht nachjustiert wurde.

Ist es möglich, dass jetzt noch einmal nachgedreht werden muss, weil die Fallzahlen wieder deutlich steigen?

Intern wurden mit Spielzeitbeginn neue Regelungen getroffen, wie die Maskenpflicht auf den Fluren für alle Beschäftigten. Ganz große Veränderungen werden wir erleben, wenn es erneut behördliche Verfügungen gibt wie im März die vollständige Einstellung des Vorstellungsbetriebes. Wir betreiben jetzt einen vor einem Jahr noch unvorstellbaren Aufwand unter Verzicht auf einen Großteil dessen, was Theater ausmacht, um die Wahrscheinlichkeit zu verringern, dass ein eventuell infektiöser Mensch dieses Virus verbreitet. Für mich ist das ein Spagat, der manchmal schwer auszuhalten ist, gerade weil die Diskrepanz zwischen dem, was privat möglich ist und dem, was Betriebe sollen und dürfen, immer größer wird. Für das Theater heißt das: Der größte Teil des Kanons an aufführbaren Stücken entfällt damit bis auf Weiteres.

Sehen

Das Theater Bremen eröffnet die Spielzeit Samstagabend um 20 Uhr im Kleinen Haus mit der Premiere von „Schäfchen im Trockenen“ (ausverkauft).

Von Rolf Stein

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