Der Kurator und Autor Peter Funken sammelt Kunst mit bescheidenen Mitteln

„Ein Fleck kann etwas von spontaner Befreiung haben“

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„Sammeltrieb enthält die Möglichkeit friedlicher Begegnung“: Peter Funken. 

Bremen - Von Radek Krolczyk. „Arme Sammler“, das mag vor allem im Zusammenhang mit Kunst zunächst merkwürdig klingen. Denn Kunst ist teuer, ihre Sammler sind deshalb in der Regel eher wohlhabend. Derzeit firmiert unter diesem Titel in Bremen eine Ausstellung der beiden Kunstsammler Andreas Koch und Peter Funken. Funken, Kurator und Autor, stand uns Rede und Antwort.

Herr Funken, was für eine Sammlung hat ein „armer Sammler“?

Peter Funken: Meine Sammlung ist natürlich keine repräsentative Kunstsammlung. Die Werke sind nicht wirklich teuer, und vieles ist als Edition publiziert worden.

Wie kam es zu der Ausstellung mit Werken aus Ihrer Sammlung?

Funken: Ich bin im vergangenen Jahr über den Direktor des Sammlermuseums Weserburg, Peter Friese, an das Thema des Ausstellens von Sammlungen geraten. Sein Museum befand sich damals politisch in einer misslichen Lage, und ich habe mit ihm darüber für die Zeitschrift „Kunstforum“, für die ich regelmäßig schreibe, ein Interview geführt. Etwa zeitgleich kam ich mit Ele Hermel von der Galerie Mitte ins Gespräch über eine Ausstellung meiner eigenen Zeichnungen. In der Stadt des Sammlermuseums erschien mir dann aber eine Sammlungsausstellung schlüssiger.

Auf welche Weise sind diese Kunstwerke zu ihnen gelangt?

Funken: Meistens resultiert das aus schönen Begegnungen mit den Künstlern. Für viele habe ich Texte geschrieben, habe sie in Ausstellungen gezeigt, die ich kuratiert habe, oder sie Galeristen empfohlen. Mit einigen der Künstler, deren Arbeiten hier zu sehen sind, habe ich eng zusammengearbeitet. Zu manchen habe ich ein persönliches Verhältnis, wie bei Fritz Balthaus, der an der Kunsthochschule in Bremen unterrichtet. Mit ihm habe ich zwei Editionen gemacht, ebenso mit dem Künstler Gereon Inger. Ich hatte in den 90er-Jahren einen Verlag für Künstlereditionen und habe Künstler beauftragt.

Gibt es eine Arbeit, die Sie besonders mögen?

Funken: Von dem israelischen Künstler Moshe Gershuni habe ich eine fünfteilige Arbeit geschenkt bekommen. Er hat hier auf quadratischen Papierbögen mit seinen Händen Graphit verteilt. Es sind so eine Art düstere Himmelsflüge. Letztendlich geht es bei ihm immer auch um die Vernichtung der europäischen Juden. Ich habe ihn in den 80er-Jahren in Berlin kennengelernt. Wir haben damals viel Zeit miteinander verbracht. Später habe ich ihn auch in Israel besucht.

Einige Kunstwerke haben Sie sozusagen selbst hergestellt.

Funken: Na ja, das Foto von Martin Kippenberger, auf dem er als Türkin verkleidet posiert, ist so eine Arbeit. In den 90er-Jahren haben wir als Arbeitsgruppe der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) in Berlin eine Ausstellung mit dem Titel „Jetzt lächeln! Aspekte der Studiofotografie“ gemacht. Es gab in Berlin das alteingesessene Fotoatelier Charlotte Mathesie. Ihr umfangreiches Archiv von Negativen war das Material der Ausstellung. Das Archiv befindet sich heute im Kreuzberg-Museum. Wir fanden darin auch Bilder von Künstlern in Westberlin wie Sigmar Polke, Isa Genzken und eben auch Kippenberger. Wir wollten damals unsere Ausstellung auch durch den Verkauf einer Kippenberger-Fotoedition finanzieren, aber das gab dann Ärger mit einer Galeristin, und nur ganz wenige Exemplare wurden hergestellt.

Eine andere Edition haben Sie für die Ausstellung in der Galerie Mitte vom Künstler produzieren lassen.

Funken: Das ist das gestempelte Fleckenplakat des Künstlers Gereon Inger. Es geht auf eine Ausstellung zurück, die ich 1996 zum Thema Flecken machte: „Flecken in Geschichte und Gegenwart“. Ein Thema, zu dem tatsächlich jeder etwas sagen kann, wo alle Experten sind. Man wächst damit auf, die ersten Sachen, die man als Kind macht, sind Flecken. Flecken auf der Hose, der Tischdecke – jeder kennt das. Es ist ein Thema, das mich immer schon fasziniert hat. In der Malerei stellt der Fleck einen Moment dar, der etwas von spontaner Befreiung haben kann.

Was erhoffen Sie sich von dieser Ausstellung?

Funken: Vielleicht ein Bewusstsein davon, dass es auch mit bescheidenen Mitteln möglich ist, Kunst zu sammeln. Außerdem muss es ja nicht unbedingt immer Kunst sein, es können auch Steine sein. Im Sammeltrieb ist vielleicht – anders als im Jagdtrieb – eine Möglichkeit der friedlichen Begegnung mit sich selbst enthalten.

Die Ausstellung „Arme Sammler“ ist noch bis zum 11. September in der Galerie Mitte im Kubo in Bremen zu sehen.

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