Inklusives Tanzfestival „eigenARTig“ eröffnet mit zwei Bremer Soli

Ein Band geht um die Welt

Soli als Resultat der Pandemie: Adrian Wenzel (v.l.), „Schwimmi“ und Tim Gerhards.
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Soli als Resultat der Pandemie: Adrian Wenzel (v.l.), „Schwimmi“ und Tim Gerhards.

Bremen – Gaffer Tape, das ist so etwas wie das Allheilmittel im Bühnenbetrieb. Man kann damit ungefähr alles zusammenkleben. Und es ist beinahe unsichtbar. „Gaffer Tape“ ist auch der Titel eines Tanzstücks für einen Menschen und ein aufblasbares Spielzeug für den Swimming Pool, von Tänzer Adrian Wenzel liebevoll „Schwimmi“ getauft. Gaffer Tape ist an diesem Abend auch auf der Bühne: Wenzel hat eine Rolle davon mitgebracht und auf einem Kasten rechts abgestellt. Dort bleibt es bis zum Ende des Stücks stehen. „Gaffer hält die Welt zusammen“, heißt es im Programmheft. „Aber nur provisorisch und bis wir in große Hitze gelangen.“

Ob es am Dienstagabend tatsächlich so heiß geworden ist, dass das Gafferband die Welt nicht mehr zusammenhalten konnte, darüber ließe sich vermutlich streiten. Tim Gerhards, der im zweiten Teil des knapp einstündigen Eröffnungsabend des inklusiven Tanzfestivals „eigenARTig“ tanzte, ist zumindest darauf eingestellt: Im Overall und mit Helm betritt er die Bühne im alten Saal der Schwankhalle und rüstet sich umgehend mit einem Feuerlöscher gegen eventuelle Brände.

„Ein Leben für den anderen“ heißt das Stück, das Adrian Wenzel für Tim Gerhards choreografiert hat, während Gerhards „Gaffertape“ für Wenzel schuf. Gerhards ist schon seit vielen Jahren in unterschiedlichen Zusammenhängen zu sehen, einst am Tanztheater Bremen unter Urs Dietrich, danach in der freien Szene, unter anderem mit dem bundesweit aufsehenerregenden „Facebook-AGB – Das Musical“. Mit Adrian Wenzel ist er gut bekannt, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten ihrer Erfahrungen als Tänzer mit und ohne Trisomie 21 bilden die Grundlage der beiden Soli, so ist zu lesen.

Beide Soli, die Wenzel in seiner Performance ganz ausdrücklich als ein Resultat der Corona-Pandemie erklärt, kommen dabei verspielt bis geradezu hemdsärmelig daher. Mit viel Pop-Musik zwischen Gangster-Rap, Punk und 80er-Jahre-Hard-Rock buchstabieren sie ein Bewegungsrepertoire von zeitgenössischem Tanz bis zum Twerking. Denn es geht hier eben nicht nur um den Tanz an sich, sondern auch um dessen Vermittlung, um ganz alltägliche Dinge wie den Bestellvorgang am Imbiss, aber auch um die Probleme, die auftreten, wenn man wegen der Corona-Pandemie allein tanzen muss: „Schwimmi“ nämlich ist ein unzulänglicher Ersatz für einen echten Tanzschüler, wie Adrian Wenzel erklärt: In Ermangelung eines Hinterns kann der Kunststoffgefährte nicht twerken.

Wie sich derweil die beiden Tänzerleben in den beiden Stücken spiegeln, scheint nur punktuell ganz klar – und ist deswegen insgesamt ein reizvolles Spiel mit Normen und Identitäten. Mag die erwähnte Unterrichtssituation eher eindeutig zuzuordnen sein, ist es der vorangegangene Ausflug in die verwegenen Welten von Bonez MC & Raf Camora schon deutlich weniger. Und wo das „Gaffer Tape“ zwar den großen Zusammenhalt verkündet, verschwindet es doch nach dem ersten Teil des Abends. So ist die episodisch wirkende Form der beiden Teile keineswegs beliebig. Vielmehr sind „Gaffer Tape“ und „Ein Leben für den anderen“ formal offene, aber immer wieder aufeinander verweisende Arbeiten, die mit viel Humor Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den beiden Künstlern ausloten.

Von Rolf Stein

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