Eiko Grimberg untersucht in der Bremer Galerie K‘ die Macht der Architektur

Paläste fürs Volk

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Elefantenfuß? Nein: Säulensockel eines Gebäudes für Sozialwohnungen: Eiko Grimbergs Videoessay „Borrowed Shapes“ zeigt skurrile Phänomene postmoderner Architektur.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Man möchte hinter den gigantischen Säulen und wuchtigen Dreiecksgiebeln einen Diktator vermuten. Nicolae Ceausescu zum Beispiel, Rumäniens selbsternannter „Titan der Titanen“ hatte sich für sein trautes Heim eine ganz ähnliche Fassade erbauen lassen. Auch Robert Mugabe, Simbabwes Gewaltherrscher, war dieser Art Architektur zugetan. - Von Johannes Bruggaier.

Doch es steckt kein Despot hinter diesen Mauern, die Eiko Grimberg in seinen kühlen Aufnahmen seziert. Hier wohnt kein König und kein Kaiser. Hier wohnen die Ärmsten der Armen: sozialer Wohnungsbau auf die französische Art.

„Arcades du Lac“ heißt das Ungetüm im Pariser Vorort Saint-Quentin-En-Yvelines. Es wurde gebaut in den achtziger Jahren von einem Architekten namens Ricardo Bofill, und was diesen seinerzeit bloß geritten haben mag, diese Frage schwebt im Ausstellungsraum der Bremer Galerie K‘, wo Grimbergs Videoessay „Borrowed Shapes“ zurzeit zu sehen ist.

Aus kunsthistorischer Sicht naheliegend ist es, die Motivation in der Postmoderne zu vermuten. Mit Hilfe eklektizistischer Formgebungen, heißt es im Ausstellungtext, habe man damals versucht, „das Urbane in der Peripherie“ zu verwirklichen: Wenn ich an den Rand einer Großstadt nur genügend Säulen und Kapitelle aufstelle, entwickelt sich der Rand bald selbst zum Zentrum. Das mag durchaus stimmen. Doch in Grimbergs Bildern offenbart der Hang zum neoklassizistischen Kitsch auch eine machtpolitische Dimension.

Die weiten, hellen Räume, die das hehre Ideal vom Wahren, Schönen, Guten atmen, erstrahlen nämlich in geradezu klinischer Reinheit. Hier eine alte Matratze vor der Kellertür, dort ein verlotterter Vorhang am Fenster: Das war‘s dann aber auch schon an Spuren eines ganz und gar nicht wahren, schönen und guten Alltags.

Wer vermeintlichen Pomp und Prunk als Wohnraum erhält, so scheint es, der arrangiert sich auch mit seiner Armut. „Ihr lebt wie die Fürsten“, raunt dieses Gebäude seinen Bewohnern zu: „Also seid dankbar und fügt euch!“ Der Palast fürs Volk, diese vorgetäuschte Teilhabe am Wohlstand, ist ein perfideres Instrument zur Ruhigstellung der Abgehängten und Ausgegrenzten als ein Plattenbau.

So zeigt sich im ästhetischen Rückgriff die Problematik kulturhistorischer Umdeutungen. Denn selbstverständlich sollen Säulen im ionischen, dorischen oder auch korinthischen Stil immer an das Zeitalter der Polis denken lassen, als eine kritische Öffentlichkeit auf der säulenumgrenzten Agora über die Zukunft ihrer Stadt diskutierte. Von einer solchen freien Gesellschaft aber war schon bei der ersten Rückbesinnung auf die Antike in der klassischen Epoche der Neuzeit kaum noch die Rede.

Heute sind klassizistische Formelemente längst umfunktioniert zu Symbolen der Macht, ob am Weißen Haus in Washington oder am Sozialwohnungsbau bei Paris. Das Urbane in die Peripherie zu tragen: In „Borrowed Shapes“ enttarnt Eiko Grimberg dieses städtebauliche Konzept als reine Fassadenpolitik.

Bis 19. Juli in der Galerie K‘, Alexanderstraße 9b, Bremen. Öffnungszeiten: Mi.-Fr. 14-18 Uhr, Sa. 12-16 Uhr.

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