Auf eigenen Wegen

Gerhard-Marcks-Haus entdeckt die Bremer Bildhauerin Luise Kimme

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Karibische Lebensfreude: Einige der Skulpturen, die Luise Kimme in ihrer Wahlheimat Tobago geschaffen hat.

Bremen - Von Mareike Bannasch. In Deutschland lebte sie nur im Notfall - und das durfte jeder wissen. Luise Kimme zog es hinaus in die Welt, von ihrer Geburtsstadt Bremen zunächst nach London und New York und über einen Zwischenstopp in Düsseldorf schließlich in die Karibik. Dort, genauer gesagt auf Tobago, sollte sie endgültig den Weg zur künstlerischen Freiheit finden.

Luise Kimme? Der Name lässt damals wie heute nur wenige Glocken läuten. Zumindest bis jetzt, denn die neue Ausstellung „angepasste Dinge sieht man genug“ im Gerhard-Marcks-Haus ist angetreten um diesen Umstand zu ändern. Zum Glück. Immerhin ist Luise Kimme nicht nur eine Bremer Deern, sondern auch eine außergewöhnliche Bildhauerin, deren Werk und Leben durchaus einen genaueren Blick verdienen.

Im Marcks-Haus geschieht dies in sechs Räumen, in denen auch Teile des bisher verschollen geglaubten Frühwerks der Bildhauerin zu sehen sind. Gefunden hat sie das Team um Direktor Arie Hartog bei verschiedenen Sammlern - die oftmals gar nicht wussten, was sie da in der Garage stehen hatten.

Zum Beispiel im Fall des Modells zur Arbeit „Elephant and Castle“ aus dem Jahr 1972. Damals nahm Kimme am „City Sculpture Projekt“ teil und schuf eine Skulptur für das britische Newcastle. Eine Figur, die von vorn betrachtet ein wenig an riesige Fingernägel erinnert, die aus der Wand in den Raum hineinragen und auf dem Boden Halt finden. Ob es tatsächlich Finger sind, bleibt dem Betrachter überlassen, bei Kimme soll sich jeder selbst ein Bild machen. Eines ist aber unbestritten: Entgegen dem damaligen Zeitgeist, Skulpturen in der Tradition des Denkmals zu schaffen, wollte die Künstlerin mit dieser Arbeit ein Gebäude und einen Platz verbinden - eine damals neue Sicht auf Bildhauerei. Doch wie bei vielen Menschen, die sich nicht anpassen, wurde auch Luise Kimme von ihren Zeitgenossen mehr oder weniger ignoriert. Sicher, ab 1976 war sie Professorin für den Orientierungsbereich der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf, Anerkennung von Kollegen erfuhr sie trotzdem nicht. Zu sehr wich ihre Konzentration auf die Kunst der amerikanischen Ureinwohner vom damaligen ästhetischen Verständnis ab. Folklore? Das war den Meisten viel zu primitiv.

Genauso wie jene Skulpturen, die Kimme auf Tobago schuf, in denen sie Motive der Karibik mit der europäischen raumgreifenden Bildhauerei verband. Im Gerhard-Marcks-Haus nehmen diese Arbeiten gleich zwei Räume ein, sie zeigen tanzende und in bunte Gewänder gekleidete Frauen und Männer. Zur Seite gedreht, sind sie beseelt lächelnd in der Musik versunken –  und strahlen ansteckende Lebensfreude aus. Luise Kimme schuf die großen Figuren aus einem Stück deutscher Eiche, die sie nach Tobago schiffen ließ - damit sie in den Semesterferien an ihnen arbeiten konnte. Informationen, die sich ihrem komplett erhaltenen schriftlichen Nachlass entnehmen lassen.

Von jedem Brief bewahrte die Bildhauerin nämlich einen Durchschlag auf, heute wird das Konvolut im „Kimme Museum of Art and Sculpture“ auf Tobago aufbewahrt. Ja, richtig gelesen: Es gibt ein Luise-Kimme-Musem. Statt vor der Ignoranz ihrer Zeitgenossen zu kapitulieren, die ihr Ausstellungen in der Kunsthalle oder dem Marcks-Haus verwehrten, gründete sie einfach ihr eigenes Museum. Bisher einer der wenigen Orte, der ihren fabelhaften Arbeiten Aufmerksamkeit beschert. Mit dem Marcks-Haus ist nun ein weiterer hinzugekommen.

Für den Besuch:

Die Schau läuft bis zum 29. April.

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