Interview mit Michael Behrendt

„Heavy Metal ist doch akzeptiert“: Wann Musik für Zündstoff sorgt – und wann nicht

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Wirken nicht wie labile Charaktere: Festival-Besucher auf dem Weg zum Wacken Open Air.

Als Anfang Juli die US-Death-Metal-Band Cannibal Corpse in Deutschland auftrat, gab es im Vorfeld Wirbel. Im Gespräch mit unserer Zeitung warnte die Jugendschützerin Christa Jenal vor einer verrohenden Wirkung der Musik von Cannibal Corpse.

Syke - Am Donnerstag beginnt in Wacken das größte Heavy-Metal-Festival der Welt. Wir haben bei Michael Behrendt, Journalist und Autor des Buchs „Provokation! Songs, die für Zündstoff sorg(t)en“, nachgefragt, ob er das für beunruhigend hält.

Herr Behrendt, würden Sie mit Ihren Kindern, so Sie welche haben, auf ein Heavy-Metal-Konzert gehen?

Ich habe keine Kinder, aber wenn ich welche hätte, würde ich grundsätzlich nicht Nein sagen.

Es gab unlängst Wirbel um Konzerte der Death-Metal-Band Cannibal Corpse. Im Vorfeld hatte Christa Jenal im Interview mit unserer Zeitung vor Verrohung gewarnt. Kein Problem für Sie?

Nicht unbedingt. Ich habe das Interview gelesen und finde, dass sie hier und da übers Ziel hinausschießt, indem sie behauptet, diese Band sei Mainstream und schon deswegen eine Gefahr. Die Band ist alles andere als Mainstream, und wenn sie sagt, die Songs würden Aufforderungscharakter haben, dann müsste man sich auch Werbung und Filme ansehen. Wenn das alles als Aufforderung genommen würde, wäre die Welt schon untergegangen. Meine Band wären Cannibal Corpse nicht, wenn meine Kinder aber alt genug wären, würde ich sie auch dorthin lassen. Das sollten sie selbst entscheiden.

Sie haben in ihrem Buch „Provokation!“ 70 Songs der letzten 100 Jahre untersucht, die „für Zündstoff“ gesorgt haben. Cannibal Corpse sind nicht darunter. Spielt Heavy Metal in Ihrem Buch eine Rolle?

Eigentlich weniger, denn Heavy Metal mag laut sein und bei vielen anecken, ist aber insgesamt doch akzeptiert. Und das, was aneckt, ist dann so krass, dass es in den Bereich der Zensur fällt. Ich wollte eigentlich Songs beleuchten, über die man wirklich spricht, die Debatten angestoßen haben.

Als Rock’n’Roll-Pionier Bill Haley 1958 das erste Mal in Europa auf Tournee war, kam es zu schweren Ausschreitungen. Was war da der Auslöser?

Michael Behrendt

Es war damals eine Zeit, die sehr konservativ war. Die Jugend fühlte sich eingeengt und begehrte auf. Die Musik war einfach der Soundtrack dazu und hat die Menschen in Ekstase versetzt, und das hat dem weißen Establishment Angst gemacht. Rock’n’Roll ist ja ursprünglich eine schwarze Musik. Die Schwarzen waren unterdrückt und galten seit Jahrhunderten als das Wilde, das Archaische und Ungebändigte. Dass sich nun weiße Jugendliche zur Musik dieser Ausgegrenzten feierten, wurde vom Establishment als Bedrohung wahrgenommen.

Die Rockmusik hat sich seit Bill Haley hin zu extremen Formen wie Death Metal entwickelt, auch im Hip-Hop gibt es eine Tendenz, immer krasser zu werden. Hat Jugendkultur die Tendenz, immer heftiger zu werden?

Im Heavy Metal und im Rap ist das vor allem so. Im Metal muss es immer schneller, lauter und härter sein. Im Rap ist es eine Eskalationsschraube, die im Ursprung der Musik begründet liegt. Rap kommt aus dem Wettstreit. Die Gangs haben irgendwann angefangen, gegeneinander zu tanzen und zu rappen, anstatt sich zu prügeln. Dass führt dazu, dass man dann verbal auch mal übers Ziel hinausschießt und Dinge von sich gibt, die nicht mehr akzeptabel sind. Im Pop, Rock und Soul sind derartige Mechanismen nicht angesagt, da geht es wohl eher um Botschaften, um Sounds und die Stilisierung der Stars auf der Bühne. Conchita Wurst eckt ja nicht mit ihrer Musik an, sondern als Person.

Farid Bang und Kollegah, um die es wegen Zeilen wie „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“ einen Eklat gab, als sie einen Echo bekommen sollten, haben offenbar Dinge gesagt, die nicht mehr akzeptabel sind. Gibt es eine klare Grenze dessen, was Kunst sagen darf?

Nein, die verschiebt sich natürlich. Das sieht man an einem Song wie „Je t’aime … Moi non plus“ von Serge Gainsbourg und Brigitte Bardot aus dem Jahr 1967, der damals ein Skandal war und heute auf Kuschelpop-Samplern zu hören ist. Da merkt man, dass sich die Schmerzgrenze verschoben hat. Man muss jeden Song für sich und in seinem Kontext beleuchten. Ich würde auch nicht sagen, dass man die entsprechenden Songs von Kollegah und Farid Bang hätte verbieten müssen. Aber man hätte das nicht auch noch mit einem Preis auszeichnen müssen. Das, was da gesagt wird, ist allerdings geschmacklos und auch antisemitisch. Und das zieht sich als Thema auch durchs Werk, und es gibt durchaus Rapper, die das nicht nur mal als dummen Spruch bringen, sondern wo es auch sonst antisemitische Positionen gibt. Und Kollegah ist zumindest ein Kandidat dafür. Das muss man eher thematisieren, als es zu verbieten.

Lesen Sie auch: Unser Ticker vom Wacken Open Air

Geschmacklosigkeit ist eine subjektive Kategorie...

Natürlich ist das schwierig. Ich bin jetzt auch nicht der Experte, der immer weiß, wann etwas richtig oder falsch ist. Manche finden etwas völlig harmos, was andere in seelisches Chaos stürzt. Da muss man immer das Gleichgewicht finden. Das Schlimmste, was man machen kann, ist draufzuhauen und etwas zu verbieten. Mit Zensur sollte man vorsichtig umgehen. Kunstfreiheit und Meinungsfreiheit sind in der Demokratie hohe Güter. Bevor man etwas verbietet, sollte man lieber ein paar Dinge durchgehen lassen. Das muss eine Demokratie aushalten.

Es gibt immer wieder Diskussionen um eine angeblich verrohende Wirkung von bestimmten Computerspielen, von einschlägiger Musik oder Horrorfilmen und anderen Dingen – lässt sich denn solch ein kausaler Zusammenhang nachweisen?

Ich denke Nein, höchstens bei labilen Charakteren. Da kann ein Video oder Musik etwas auslösen. Aber man kann es nicht der Musik oder dem Video anlasten. Es wäre aber interessant, Langzeitstudien zu machen, wie Musik, Videospiele und Filme bei jungen Menschen wirken. Es ist auffällig, dass es dazu überhaupt nichts Substanzielles gibt. Es gibt Befragungen, die immer darauf hinauslaufen, dass auch junge Leute schon unterscheiden können zwischen Kunst und Realität, wenn sie psychisch gesund sind. Und dass es ein paar labile Charaktere gibt, die dann ausrasten. Aber es wäre durchaus interessant, dass in größerem Umfang zu untersuchen, damit man Klarheit hat.

Wacken Open Air

Donnerstag bis Sonntag, Wacken, www.wacken.com

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