Edith Whartons „Zeit der Unschuld“ ist bei Manesse in einer neuen Übersetzung erschienen

Gegen die Fliehkräfte der Liebe hilft nur das Netz des Clans

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Mediengruppe Kreiszeitung

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Auf den Straßen erlebten sie eine nie da gewesene Beschleunigung des Verkehrs. In ihren Berufen standen sie an gigantischen Maschinen oder aber in künstlich erleuchteten Großraumbüros. Und statt langwieriger Briefwechsel sprach man plötzlich durch Telefonleitungen über tausende von Kilometer hinweg: Bedenkt man, welchen tiefgreifenden Umwälzungen die Menschen zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgesetzt waren, erscheinen die Herausforderungen unserer Tage vergleichsweise klein. - Von Johannes Bruggaier.

Es waren ja nicht allein technologische Errungenschaften, die sich auf ihr Alltagsbewusstsein ausgewirkt haben. Infolge der industriellen Revolution standen bald auch ethische und religiöse Werte zur Disposition.

Die Liebe zum Beispiel. Mit der Romantik hatte die Idee Einzug erhalten, dass die bislang rein wirtschaftlich begründete Zweckgemeinschaft „Ehe“ im Idealfall durchaus auch ein bisschen gefühlig sein darf. Mit der Moderne gewann diese Idee plötzlich an Gewicht: Nachfolgende Generationen forderten immer mehr Freiheiten in der Partnerwahl ein, Liebe sollte mehr zählen als ökonomische Vernunft. Und Eltern hatten alle Mühe, ihre liebestollen Sprösslinge auf den Pfad der Tugend zu bringen.

Ein Buch, das wie vielleicht kein anderes Einblicke in die mentalen Widersprüche dieser Ära vermittelt ist „Zeit der Unschuld“ von Edith Wharton. Anfang der neunziger Jahre hatte es wegen seiner Verfilmung durch Martin Scorsese eine gewisse Berühmtheit erfahren. Jetzt ist im Manesse Verlag eine Neuübersetzung erschienen.

Es beginnt mit einer Liebe des 19. Jahrhunderts, keine Vernunftehe zwar, aber doch ein Arrangement zwischen zwei Familien von gleichem Stand. Er, Newland Archer, ist ein aufstrebender Jurist mit gelegentlichem Interesse für die Kunst. Sie, May Welland, ist eine liebenswürdige, aber intellektuell auf die Herausforderungen des häuslichen Alltags beschränkte Persönlichkeit.

Doch Liebe wäre kein Stoff für Romane, könnte sie sich nur zwischen zwei Polen entspannen. Der Störfaktor in dieser trauten Eheidylle heißt Ellen Olenska, eine unglücklich verheiratete und deshalb bemitleidenswerte Cousine der Braut. Nun ist Mitleid eine gefährliche Substanz, jedenfalls dann, wenn sie in männliches Bewusstsein dringt und einer attraktiven Frau gilt.

Wer als Frau im 19. Jahrhundert aus der ehelichen Hölle flieht, muss mit verächtlichen Blicken rechnen. Dass des jungen Newland Archers heldenhafter Fürsprache zugunsten der gefallenen Madame Olenska schon bald tiefere Empfindungen als nur Mitleid zugrunde liegen, ist früh abzusehen. In Ellen findet Newland die melancholischen Selbstzweifel, die der naiv heiteren May fremd sind. In ihrem Schicksal erkennt er den Ausweg aus jenen gesellschaftlichen Zwängen, die seiner eigenen Frau erst Halt geben. Und in ihrer Errettung sieht er die Möglichkeit, seinem Leben wie auch seiner Liebe einen Sinn zu verleihen.

Doch Wharton wäre keine Schülerin des großen Henry James, würde sie es bei dieser Rollenverteilung belassen. Die vermeintlich naive May entpuppt sich als scharfe Beobachterin und raffinierte Diplomatin. Ihre Kraft und ihr Wissen im Umgang mit den Verwirrungen der Liebe schöpft sie aus einem tieferen Brunnen als der arme Newland. Es ist die Jahrtausende währende Erfahrung der Sippe, ein engmaschiges Netz des Clans gegen sämtliche ihm innewohnenden Fliehkräfte.

Es scheint nicht einmal sicher, dass es zu Newlands Nachteil ist, wenn er in diesem Netz hoffnungslos gefangen bleibt. Angekommen im Zeitalter des Telefons und Automobils ist aus dem verhinderten Abenteurer doch bloß der ganz gewöhnliche „gute Staatsbürger“ geworden – mit einer soliden Ehe und braven Kindern, aber ohne die Leidenschaft des auch schon im Aufschwung begriffenen Hollywood-Kinos. Und doch ist ein Zweifel spürbar: Hätte der Bruch mit den Konventionen, der Sieg des Individuums über die Regeln der Gemeinschaft ihm wirklich zu einem glücklicheren Leben verholfen?

Übersetzerin Andrea Ott überträgt diese Unsicherheiten in ein historisch informiertes, aber niemals museales Deutsch. Manches metaphorische Wagnis ist weniger ihr als der Autorin anzulasten („der gewaltige Zuwachs an Fleisch, der über sie hereingebrochen war, wie Lava auf eine todgeweihte Stadt...“).

Dass Edith Wharton weitgehend in Vergessenheit geraten ist, dürfte auch in manch dialogischer Ausführlichkeit begründet liegen: Unterhaltungen waren im Zeitalter der Salongesellschaften nun mal eine länger währende Beschäftigung als in einer Gegenwart der digitalen Kurzatmigkeit.

Edith Wharton „Zeit der Unschuld“, übers. v. Andrea Ott, Manesse Verlag: Zürich 2015; 400 Seiten, 26,95 Euro.

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