Echt jetzt? 

Theaterabend „Fake Youth“ fragt in Hannover nach der Wahrheit

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„Fake Youth“ macht Spaß und bietet Stoff zum Nachdenken. Szene mit dem Ensemble.

Hannover - Von Jörg Worat. Die große Foto-Projektion einer jubelnden Menschenmenge erscheint hinten auf der Ballhof-Bühne. „Brexit-Anhänger“, erläutert einer der elf Akteure, erntet aber umgehend Widerspruch: Das Bild sei doch ganz offensichtlich beim Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft 1966 entstanden. Beides Unsinn, mischt sich eine dritte Stimme ein – man könne klar erkennen, dass es sich hier um Australier handele.

Tja, wie ist denn nun heutzutage Wirklichkeit zu definieren? Die Performance „Fake Youth“, von der Frankfurter Gruppe „andcompany&Co.“ für das Junge Schauspiel des hannoverschen Staatstheaters eingerichtet, versucht dieser Frage auf den Grund zu gehen. Gecastet wurden dafür Mitwirkende im Alter zwischen 16 und 28 Jahren.

Der Untertitel „Junge Menschen aus der Stadt und Region Hannover lesen Hannah Arendts ,Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft‘“ führt ein wenig in die Irre, zumal es hier um alles andere als eine Lesung geht – die Schriften der Publizistin, die übrigens in Hannover-Linden geboren wurde, bilden eher so etwas wie einen lockeren Bezugspunkt, der Struktur in das äußerst turbulente Geschehen bringt.

Erstaunlich aktuell sind Arendts Thesen („Nichts ist wahr, alles ist möglich“) aus den 50er-Jahren allemal – „spooky“ kommentiert eine Darstellerin dieses Phänomen.

Kann man in Zeiten des Internets seinen eigenen Augen und Ohren noch trauen? Schon das Bühnenbild sorgt für Verschiebungen: Aus dem „Mars“- wird ein „Marx“-Schriftzug, das McDonald‘s-Emblem hat einen Bogen zuviel, dem „real“-Logo ist in der gleichen Typographie ein „fake“ zugesellt. Womit ein Zauberwort der Jetztzeit ins Spiel kommt: Unzählige Menschen präsentieren sich in den sozialen Medien, aber was davon ist echt? Für gesteigerte Follower-Zahlen, gesteht da einer, der in einem superdämlichen Einhorn-Kostüm herumrennt, mache er sich gern zum Narren. Und auch der Spruch „Lies sind Likes ohne k“ gibt zu denken.

Die elf auf der Bühne legen los, als gäbe es kein Morgen, sie sprechen, singen, tanzen, musizieren, und klar ist das letztlich für das Publikum eine Überforderung. Wie es eben auch jeder Gang durch die virtuellen Welten ist – insofern hat diese Ästhetik im gegebenen Zusammenhang durchaus ihre Logik.

Außerdem macht der Abend schlichtweg Spaß und ist frei von Peinlichkeiten, die Theaterarbeit mit Laien durchaus hervorbringen kann. Die Gruppenszenen sind sauber einstudiert, es stehen echte Typen auf der Bühne, man bekommt Stoff zum Nachdenken. Und auch zum Lachen – so sind die Verschwörungstheorien, denen zufolge eine Analyse des Wortes „Delfin“ unmissverständlich ergibt, dass die besagten Tiere die Weltherrschaft anstreben, echte Brüller. Obwohl es bestimmt irgendwo Menschen gibt, die das ernsthaft glauben.

Die nächsten Termine:

Samstag, 18. Mai, Dienstag, 21. Mai und Freitag, 7. Juni. jeweils um 19.30 Uhr, Ballhof Eins, Hannover.

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