Ein Echo von Barbarei

Stück der Stunde: Theater Bremen zeigt „Vögel“ von Wajdi Mouawad

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Überkonstruiert, aber gelenkig: „Vögel“ am Goetheplatz.

Bremen - Von Jan-Paul Koopmann. Wahrscheinlich gibt es diese Liebe wirklich, die alle Grenzen niederreißen und einander verhasste Völker befrieden kann. Es ist allerdings ein bisschen wie mit Gott: dass man’s eben nicht sicher weiß, weil weder den einen noch das andere je wer gesehen hat. Auch im Theater nicht, schon gar nicht dem in Bremen, wo es am Samstag anscheinend die ganze Zeit darum ging. Süß ist es allerdings schon, wie der zottelige Nerd Eitan Zimmermann und die programmatisch nachnamenlose Wahida in New York übereinander stolpern: Ob Schicksal oder Zufall – es geht jedenfalls verhängnisvoll weiter. Die jüdischen Zimmermanns lehnen die Araberin harsch ab, und die Geschichte versteift sich dann in generationenübergreifende Wirrnisse, zu deren Aufklärung die Verliebten nach Israel reisen, wo Eitan schließlich fast draufgeht bei einem palästinensischen Bombenanschlag.

Wajdi Mouawads „Vögel“ ist zweifellos das Stück der Stunde. Rund 20 deutsche Theater haben es im Spielplan, und neben der poetischen Sprache dürfte beim feuilletonisierten Publikum heute besonders dieser Subtext-Stunt ziehen: mit Hingabe Identitäten zu beschwören und ihnen wenigstens zum Schein den eigenen Unsinn nachzuweisen. Naja, und dass die vermeintlich tabuisierte Kritik an Israel immer und überall begeistertes Publikum findet, ist nun auch kein Geheimnis.

Für ein Gegenwartsstück ist die Erblast jedenfalls beachtlich, die Alize Zandwijk bei ihrer Inszenierung zu stemmen hatte: Romeo und Julia, die mit Klein-Ödipus auf dem Rücken eine Ringparabel aufführen – natürlich ist das überkonstruiert wie nur was. Dass der Diskursbrocken in Bremen dennoch recht gelenkig in Bewegung kommt, verdankt der Abend ausgerechnet seinem Mut zur Ausschweifung, zum auch stammelnden Monologisieren und zur Phrase. Weil das tatsächlich Spaß macht, manchmal lustig ist und an allen Ecken und Enden vor Tragik nur so strotzt.

Dass Bremen auch das Personal dafür hat, zeigt sich bei Oma und Opa (giftig aufeinander eingespielt: Verena Reichhardt und Martin Baum), wie an Vater und Sohn (Guido Gallmann mit Neueinstand Emil Borgeest). Und vor allen: Deniz Orta, die nach ersten durchaus beachtlichen Momenten in der vergangenen Spielzeit nun so richtig angekommen zu begeistern weiß.

Besonders impulsiv gerät ihr der Moment, der als identitätspolitische Wende einen der schlimmstmöglichen Ausgänge des Stücks eröffnet: als Wahida nämlich von einem Erkundungsgang in den Palästinensergebieten als geläuterte Araberin zurückkehrt. „Ich dachte, das sei weder meine Kultur, noch mein Leben“, klagt sie mit inbrünstigem Selbstzweifel, „ich blöde Kuh.“ Als assimilierte intellektuelle Amerikanerin ist Wahida nämlich weder arabisch, noch muslimisch, sondern in den Augen der westlichen Gesellschaft vor allem „ein guter Fick“. Es sind diese Attacken auch auf die vermeintlich unbeteiligte westliche Kultur, die den Text zugleich interessant machen, einen aber auch leicht vergessen lassen, dass trotz alledem die „blöde Kuh“ recht hatte, die vom Volk nichts wissen wollte.

Alize Zandwijk hat auf der Bühne viel Raum geschaffen, um den Text Echos werfen zu lassen. Zwischen weißen Wänden türmen sich die Sinnkrisen, während geheimnisvoll die Vögel mal schrill aus dem Off kreischen, dann wieder animiert als Schatten über die Wände flattern. Überhaupt passiert viel an den unbewussten Rändern des Geschehens, auch wenn wohl weit mehr Poesie als Psychologie im Spiel ist, wenn sich etwa ein Schatten von der Mädchenfigur löst, um dann wie der berühmte Banksy am Grenzzaun zum Himmel emporzuschweben. Es sieht trotzdem hübsch aus, wie sich die poetische Bildsprache von Zandwjik, Bühnenbildner Tomas Rupert und Mouawads Text (hier übrigens, anders als im Original, fast durchgehend einsprachig) die Bälle zuspielen.

Wie gesagt: Diese „Vögel“ sind zum Niederknien schön gespielt, und das ruiniert auch der Stoff nicht. Das Problem dieser postmodernen Ringparabel bleibt, dass es eben eine nach Auschwitz ist. Selbst den alten Nathan ungebrochen zu spielen, lässt sich mit Verstand kaum machen – und Mouawad ist nicht Lessing, er hat gar keinen Humanismus im Angebot, sondern nur noch Identitäten. Was das Problem umso größer macht.

Es geht also um familiäre Verzwickungen, um Sippen und um Haltungen, die nur allzu allegorisch für das suggestiv abgefragte Problem stehen sollen: Wer ist Jude, wer Araber, wer hat Schuld, woran eigentlich und warum ist Israel immer so gemein? Im Stück stehen hier die autoritären Alten mit Historie, Psychologie und Moral im Anschlag – dagegen so junge Wilde wie Eitan, der ausgerechnet Genetiker ist und in seinem ersten starken Moment darüber räsoniert, dass Auschwitz nicht in den Genen stünde. Das mag sein und wird im Verlauf des Stücks auch immerhin mehrdeutig als Unsinnsstrategie entlarvt. Dass aber im deutschen Publikum bis dato nicht nur hier und da heftig genickt und geschnauft wird, ist aber auch kein Zufall.

Es hat sich halt so hochgekocht: die hart-unsympathischen Grenzkontrolleure, vor denen Wahida in Unterwäsche zittern muss. Die rassistische Familie, das selbstgerechte Gerede vom Trauma und dass sich die Familiengeschichte dann auch noch um das Datum des Massakers von Sabra und Schatila herum entfaltet – darüber wird die islamistische Morderei dann doch sehr leise, während die deutsche längst ganz verhallt ist.

Die Bremer Inszenierung bleibt bei all den platten Zuspitzungen und ihren kultivierten blinden Flecken bis zuletzt immerhin mehrdeutig. Die Standing Ovations im Publikum sind es nicht. Verdient waren sie nur, wo sie dem Schauspiel galten.

Sehen

Wieder am 5. und 10. Oktober um 19.30 Uhr, am 31. Oktober um 18 Uhr sowie am 9., 13. und 30. November um 19.30 Uhr, Theater am Goetheplatz, Bremen.

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