Die Musik von Pol Belardi’s Force überschreitet nie die Grenze zur Ekstase

Dynamisches Brodeln

Hannover - Von Jörg Worat. Wer die Homepage von Pol Berladi aufruft, erblickt zunächst das Bild eines jungen Mannes, der zwischen allerlei Instrumenten, Effektgeräten und Notenblättern liegt. Das hat Symbolcharakter: Der Luxemburger ist nicht nur Multiinstrumentalist, sondern bewegt sich auch gern grenzüberschreitend zwischen den Genres, und theoretische Seiten des Musikmachens wie die Feinheiten der Harmonielehre sind ihm ebenfalls vertraut. Doch sticht auf dem üppig bestückten Website-Foto ein knallroter Bass hervor: Das ist dann wohl doch das Lieblingsspielgerät des Tausendsassas. Und was sein Quartett „Pol Belardi’s Force“ auf der CD „Organic Machines“ präsentiert, ist weit eher eine eigene Spielart des Jazz als beliebiger Fusion-Mischmasch.

Der Titel der Scheibe passt sehr gut. Diese Musik ist höchst lebendig, zuweilen rasant und manchmal im besten Sinne schön, überschreitet aber nie die Grenze zur Ekstase – sämtliche vier Interpreten scheinen so etwas wie eine eingebaute Ground Control zu besitzen. Was ja keineswegs ein Nachteil sein muss.

Fast alle der 14 Titel hat Belardi selbst komponiert, einzig „January 5th“ stammt von „Force“-Keyboarder Jérôme Klein. Zum Auftakt zickt sich das Titelstück mit schräger Rhythmik in einen eigenwilligen Groove – wer danach tanzen wollte, könnte ins Stolpern geraten. Das erste große Highlight folgt mit der dritten Nummer „Riding the tiger“: Eine Spezialität der Band besteht darin, hinter melodisch edlen Legato-Linien ein höchst dynamisches Gebrodel anzurichten, und das kommt hier trefflich zur Geltung – Saxophonist David Fettmann sorgt für das elegische Element, während Drummer Niels Engel im Verlauf zum echten Powerhouse wird. Bandleader Belardi sorgt am Bass für ein solides Fundament und macht ohnehin nie Anstalten, sich in den Vordergrund zu spielen.

Die nachfolgende „Miniature #1“ (insgesamt gibt es deren drei) kommt ganz ohne Rhythmusgespann aus und hat eine leicht sphärische Anmutung. „Heartbeat pulse / Sync“ scheint zunächst nicht vom Fleck zu kommen, subtil schleicht sich ein Hauch Elektronik ein, und schließlich entsteht so etwas wie ein hypnotisches Moment, bis eine majestätische Sequenz der Sache ein Ende setzt.

Die zweite Hälfte des Albums ist nicht mehr ganz so spannungsreich. Im erwähnten „January 5th“ spielt Belardi ein geschmackvoll-dezentes Solo, bevor Klein und Engel für einige Thermik sorgen. „Alone“ hat titelgerecht eine leicht melancholische Atmosphäre, wiederum mit ein paar elektronischen Einsprengseln. Bei „Drive“ schmuggelt die Band erstmals richtig garstige Klänge ins Geschehen – die hätten im Sinne der Abwechslung durchaus vorher schon auftauchen dürfen. Engel zeigt einmal mehr sein Talent, das Drumset mächtig rappeln zu lassen, ohne dass es wie Selbstzweck wirken und sich aus dem Gesamtzusammenhang lösen würde. Für das Finale hat sich das Quartett eine kleine Perle aufgehoben. Der unsympathische Stücktitel „Constructed emotion“ trifft, organische Maschinerie hin oder her, nicht zu – für reine Konstruktion ist diese Musik glücklicherweise doch zu emotional. Auf die Idee, die allerletzte Phrase harmonisch in der Luft hängen zu lassen, würde ein Roboter jedenfalls wohl kaum kommen.

Hören

Pol Belardi’s Force: „Organic Machines“ (Cristal Records).

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