Bob Dylan und Band spielen in Lingen

Ein Entertainer, der keiner sein will

Damals ließ er sich noch fotografieren: Bob Dylan bei einem Auftritt Mitte der 80er-Jahre. - Foto: imago

Lingen - Von Werner Jürgens. Literaturnobelpreisträger Bob Dylan interpretiert Sinatra-Songs live in Lingen: Vor gar nicht allzu langer Zeit hätte man diese Aussage vermutlich für einen dreifachen Aprilscherz gehalten. Und doch ist exakt das am Mittwoch in der Emsland-Arena passiert. Vor ausverkaufter Kulisse wusste der Altmeister das Publikum insbesondere mit seinem Spätwerk zu überzeugen.

Mit einem tief ins Gesicht gezogenen weißen Hut betritt Bob Dylan um kurz nach 20 Uhr die Bühne. Auf eine Begrüßung verzichtet er ebenso wie auf jedwede Zwischenansage. Die meiste Zeit verbringt er sitzend oder stehend am Piano, das sich außen rechts befindet. 

Zuschauer, die gekommen sind, um einen guten Blick auf ihr Idol zu erheischen, und in der linken Hälfte der Halle sitzen, haben insofern die deutlich schlechteren Karten erwischt. Aber ein Entertainer im klassischen Sinne, wie ihn einst Frank Sinatra in höchster Perfektion zelebriert hat, ist Bob Dylan ohnehin nie gewesen. Dass er sich auf seinen letzten drei Alben ausgerechnet dessen Lieder vorknöpft, war eine Überraschung für die Fans beider Lager, die gegensätzlich nicht sein könnten.

Befreit Sinatra-Songs vom Schmalz

Während der smarte Sinatra selbst als über 80-Jähriger mit butterweichem Gesang und eleganter Performance seine Zuhörer nonchalant um den Finger zu wickeln verstand, tänzelt der inzwischen auch schon 75-jährige Bob Dylan am Mittwoch eher ungelenk an einem Standmikrofon hin und her und intoniert Crooner-Schmachtfetzen wie „I Could Have Told You“, „Melancholy Mood“, „All Or Nothing at All“, „That Old Black Magic“ oder „Autumn Leaves“ mit seiner typisch nasal-krächzenden Stimme. Allerdings tut er dies mit einer solchen Hingabe und Inbrunst, dass die alten Lieder in seinen Neu-Interpretationen von jeglichem Schmalz befreit wirken und tatsächlich einen geradezu rührenden Charme entwickeln.

Was das eigene Repertoire betrifft, dominieren ansonsten vor allem Dylans Spätwerke ab 1997. Das 2012 erschienene Album „Tempest“ ist allein mit sechs Songs vertreten. Hier erweist sich die charakteristische Stimme des Interpreten als gleichermaßen starkes wie ideales Transportmittel für die düster-bedrohlichen Geschichten um zerbrochene Herzen, persönliche Selbstzweifel und falsche Eitelkeiten. Die durchaus produktiven 70er-Jahre werden beim Konzert mit einem einzigen Lied, nämlich „Tangled Up In Blue“ aus „Blood On The Tracks“ von 1975, lediglich kurz angerissen. Darüber hinaus gibt es innerhalb des regulären Sets drei Songs aus den glorreichen 60er-Jahren. Neben „To Ramona“ und „Highway 61 Revisited“ sticht dabei einmal mehr „Desolation Row“ heraus.

Die epische Erzählung, in der zahllose historische, biblische und literarische Persönlichkeiten geschickt zu einer bildgewaltig-surrealen Story verwoben werden, ist und bleibt ein schriftstellerisches Meisterwerk, das nicht bloß ein Nobelpreiskomitee zu überzeugen vermag. Auch wenn Bob Dylan in Lingen, wie so oft in den vergangenen Jahren, viele Worte in typischer Manier vernuschelte, tat und tut dies der Qualität des Textes keinerlei Abbruch.

Andächtiges Lauschen im Sitzen

Abgesehen davon zeigen seine bestens aufgelegten Begleitmusiker beinahe den gesamten Abend über eine hervorragende Leistung. Bis auf die ersten Minuten, wo der Sound offensichtlich zunächst richtig eingepegelt werden muss, manövrieren sie ihren Frontmann ebenso spielfreudig wie souverän durch ein anspruchsvolles Konzertprogramm, das von kernigem Bluesrock über rhythmisch variantenreichen Cajun und Jazz bis hin zu eingängigem Easy-Listening-Pop stilistisch einiges an Abwechslung zu bieten hat.

Die meisten Zuschauer in der Emsland-Arena verharren über weite Strecken andächtig in ihren Sitzen, um der Musik zu lauschen. Als ein Mann beim Bierholen zu den Klängen von „Duquesne Whistle“ galant swingend durch den Mittelgang der Halle schreitet, erntete er dafür schon gesteigerte Aufmerksamkeit. Während der Zugabe strömt dann eine größere Menge nach vorne, um ihrem Idol ein bisschen näher zu kommen. Dieses zelebriert zum krönenden Finale mit „Blowing In The Wind“ und „The Ballad Of A Thin Man“ zwei weitere Glanzlichter. Ein krönender Abschluss, nach dem er sich gemeinsam mit seinen Musikern vor der Bühne aufreiht, einen letzten Blick ins Publikum wirft und ohne Verabschiedung wieder ins Dunkel verschwindet. Jenes Dunkel, aus dem er gut 100 Minuten zu vor ins Rampenlicht getreten ist.

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