Sammelband „Extrem unbrauchbar“ greift eine populäre politische Idee an

Ab durch die Mitte

Syke - Gewiss, dieser Band ist schon ein paar Monate alt. Aber das, wogegen er angetreten ist, hat nach wie vor Konjunktur – sicherlich auch deshalb ging gerade die zweite Auflage in den Handel. „Extrem unbrauchbar. Über Gleichsetzungen von links und rechts“, herausgegeben von Eva Berendsen, Katharina Rein und Tom David Uhlig, erschien Ende 2019 im Verbrecher-Verlag.

Kurz gesagt geht es darin um die Vorstellung, dass Rechts und Links und ein bisschen auch der Islamismus unsere Gesellschaft von den Rändern her bedrohen. Die Mitte ist dabei so relativ wie die Extreme, die sich um sie herum gruppieren und – gemäß einer beliebten Lesart – im Grunde alle gleich sind. Als Kronzeugin für derlei Gleichsetzungen wird gern die Theoretikerin und Publizistin Hannah Arendt bemüht, genauer: Ihre Theorie der totalitären Herrschaft, die allerdings viele von jenen kaum näher zu kennen scheinen, die damit nun hausieren gehen. In diesem Kontext ist oft die Rede von der Hufeisen-Theorie, die meint, dass sich die äußersten Enden eines politischen Spektrums einander in gleicher Entfernung von der Mitte wieder annähern.

Beide Vorstellungen mögen einleuchtend scheinen – schlüssig sind sie deshalb keinesfalls. In ihrem Vorwort beschreiben die Herausgeber die Haltung der Mitte gegenüber ihren Rändern wie folgt: „Beide sind der Mitte gleichermaßen suspekt, es sind Schmuddelkinder, die viel mehr gemeinsam haben, als sie selbst wahrhaben wollen.“ Darum vielleicht fiel der „Süddeutschen Zeitung“ nach dem tödlichen Angriff auf den CDU-Politiker Walter Lübcke, der mutmaßlich von einem Mann aus der Reichsbürgerszene erschossen wurde, glatt ein, von einer „braunen RAF“ zu schreiben. Rechtsextrem, linksextrem – das ist in dieser Denkungsart Jacke wie Hose, oder noch ununterscheidbarer. Von politischen Inhalten, über die ja durchaus zu streiten ist, ist dann keine Rede mehr.

Hannah Arendts Theorie vom Totalitarismus, den sie im Nationalsozialismus und dem sowjetischen Sozialismus der Ära Josef Stalins verwirklicht sah, hat derweil wenig zu tun mit Diagnosen einer mehr oder weniger deutlichen Abweichung von einer mehr oder weniger deutlich bestimmbaren politischen Mitte. Die Vorstellung vom Extremismus entstammt, das arbeitet „Extrem unbrauchbar“ nachvollziehbar heraus, aus der Sphäre der Ämter für den Verfassungsschutz und ist alles andere als eine präzise oder juristische Kategorie. Dafür aber ein Problem unter anderem für die politische Bildungsarbeit. Mitherausgeberin Rhein schreibt in diesem Zusammenhang: „Demokratie müsste aus Perspektive kritischer politischer Bildung demgegenüber als Prozess gedacht werden, der dem Anspruch folgt, demokratische Rechte und Freiheiten stetig zu verbessern und zu erweitern“. Oder, wie es die Herausgeber in ihrem Vorwort, ausdrücken: „Mittels des Extremismusbegriffs werden unliebsame politische Einstellungen, vornehmlich linke, dämonisiert, auch wenn sie mit dem Grundgesetz konform sind.“

Lesen

Eva Berendsen, Katharina Rein und Tom David Uhlig (Hg.): „Extrem unbrauchbar. Über Gleichsetzungen von links und rechts“, 19 Euro, 304 Seiten, Edition Bildungsstätte Anne Frank 2, Verbrecher Verlag.

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