„Weltmeister“: Uraufführung in Hannover blickt auf Erinnerungskultur

Durch die Institutionen

Nicht nur auf der Bühne, sondern auch in den Tiefen des Schauspielhauses Hannover spielt die Inszenierung „Weltmeister“. Foto: Karl-Bernd Karwasz

Hannover - Von Jörg Worat. Wenn es so etwas gäbe wie Titelkämpfe in Sachen Erinnerungskultur – wäre Deutschland dann „Weltmeister“? So jedenfalls haben Regisseurin Nina Gühlstorff und ihr Team ein Projekt genannt, das nun im Schauspielhaus Hannover seine Uraufführung erlebte. Und dabei enthüllte, was sich hinter der mysteriösen Ankündigung „begehbarer Theaterabend“ verbirgt.

Die Schwierigkeiten beim Umgang mit der eigenen Vergangenheit sind ein internationales Phänomen, als Beispiel sei der japanische Schulbuchstreit genannt. Doch in Deutschland hat dieses Thema fast auf den Tag genau 75 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz natürlich ganz besondere Dimensionen – erst recht, da es immer weniger Zeitzeugen gibt. Die Theatermacher haben sich, vor allem in Hannover, auf Recherchetour begeben, und die Ergebnisse stellt jetzt eine gemischte Gruppe vor: zu vier hannoverschen Ensemblemitgliedern gesellen sich zwei Gäste aus Israel.

Darunter ist Hadas Kalderon, und sie berichtet zum Auftakt den 200 Besuchern – mehr sind hier nicht zugelassen – von ihrem Unbehagen beim ersten Deutschlandbesuch. Das Wort „Erinnerungskultur“ möge sie gar nicht, lieber wolle sie sich einfach erinnern, doch dazu kommt es nicht: Der Rest der Truppe tänzelt lärmend hinein, um aufgesetzte „Anatevka“-Fröhlichkeit zu verbreiten. Woraus sich indes alsbald eine Diskussion über die Frage entspinnt, wie man sich denn zum Thema des Abends verhalten könne, dürfe, solle oder müsse.

Die Debatte wird in der Folge personalisiert und auf die Hinterbühne verlagert. Dorthin folgt das Publikum den Darstellern, die nun über ihren jeweiligen Zugang zu diesem Theaterprojekt sprechen. Wirklich pointiert ist das größtenteils nicht, am meisten zündet die trockene Anmerkung von Michael Hanegbi, der einen wesentlichen kulturellen Unterschied zwischen den Ländern ausfindig gemacht hat: „Wir in Israel haben Humor.“

Die Besucher haben zu Beginn farbige Bändchen erhalten, die sie verschiedenen Gruppen zuordnen. Die „grüne“ kommt bei der folgenden Fotosession zuletzt dran und soll als einzige nicht winken, sondern sich zunächst zur Wand drehen und nach dem Umwenden lächeln. „Wir haben keinen Humor“, ertönt eine Stimme – touché.

Es folgt der Marsch durch die Institutionen, sprich mehrere Stationen auf dem Schauspielhaus-Gelände, wobei übrigens jede Gruppe auf einen Programmpunkt verzichten muss – wer also alles erleben will, sollte einen zweiten Besuch einplanen.

Auf der Unterbühne reflektiert Nikolai Gemel die Geschichte des Holocaust-Mahnmals an der Oper und stellt die Frage nach der Tiefenwirkung. Im kalten Theaterarchiv, wo man auf Wunsch einen Schal geliehen bekommt, begibt sich Hajo Tuschy auf doppelte Spurensuche: einerseits zur Geschichte des hannoverschen Schauspiels selbst, andererseits zur Bahlsen-Historie – was der in der Podbi wohnende Darsteller bei seinen Touren quasi vor der Haustür erlebte, ist schon sehr speziell.

Im Untergeschoss des Theatermuseums ist das Publikum am Drücker, brandaktuell: Besucher lesen aus Frank-Walter Steinmeiers Jerusalemer Rede; einer sichtlich berührten Dame bröselt dabei die Stimme ein wenig weg. Zurück im Zuschauerraum erlebt man Michael Hanegbi bei einem Diskussionsprotokoll über seine Rolle in dieser Produktion: Wie „fair“ finden es Landsleute, wenn ein israelischer Schauspieler einer Vielzahl an deutschen Kollegen gegenübersteht?

Und schließlich geht‘s für alle gemeinsam noch einmal auf die große Bühne. An Tischen ist das Publikum eingeladen, sich in kleinen Gruppen anhand von Fragekärtchen selbst zu äußern, und nach einigen Zögerlichkeiten ergeben sich nun hochinteressante Gespräche. Der Vater, erzählt da etwa jemand, sei laut Familienduktus „in der Partei“ gewesen: „Das klang besser als zu sagen: ,Er war Nazi.‘“

Leider wird diese Runde recht rüde beendet, weil Schauspielerin Stella Hilb eine Rede über das Thema halten möchte, welche Reden sie jetzt halten könnte. Und überhaupt lautet das Fazit: Es gibt hier einigen Leerlauf, Nachjustierung in Sachen Timing scheint dringend angeraten. Trotz solcher Schwächen kann sich der Besuch des Abends lohnen, der sicherlich bei jeder Vorstellung anders verlaufen wird. Er bietet nämlich zumindest die Chance auf Tiefenwirkung – und selbst wenn die nur punktuell eintritt, wäre das schon eine Menge wert.

Sehen

Weitere Vorstellungen sind für Freitag und Sonnabend, 14. und 15. Februar, jeweils um 19.30 Uhr im Schauspielhaus geplant.

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