Alexander Giesche sucht am Theater Bremen den „perfekten Menschen“

So duftet das Glück

Tanz der nicht ganz Perfekten: Giesches Performance-Quartett, durchs Kaleidoskop betrachtet. ·
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Tanz der nicht ganz Perfekten: Giesches Performance-Quartett, durchs Kaleidoskop betrachtet. ·

Bremen - Von Johannes BruggaierAls „das Schöne vergeht“ und „das Vollkommene stirbt“, treibt das in Schillers „Nänie“ sogar den Göttern Tränen in die Augen. Der Tod des Achilleus ist hier gemeint, jenes Helden, der in Troja den großen Hektor bezwang. Dass selbst die Götter Rührung zeigen: Dieses Ideal der Vollkommenheit hat seither schon so mancher zu erreichen versucht – von Alexander dem Großen bis Napoleon. Geglückt ist es niemandem mehr so recht, und doch lebt der Traum in uns fort, der Traum vom „perfekten Menschen“.

Am Theater Bremen träumt ihn nun der Regisseur Alexander Giesche. „Der perfekte Mensch“ lautet der Titel seiner Produktion, die am Samstagabend im Kleinen Haus ihre Premiere feierte.

Durch Kampf glaubt heute freilich niemand mehr, den Zustand der Perfektion zu erreichen. Eher schon auf der Tanzfläche, wo jeder ganz für sich der Macht seines Bewusstseins entflieht: eine lustvolle Preisgabe der Selbstverantwortung, eine Unterwerfung unter den Takt der Musik.

So tanzen sie zu einem wummernden Discobeat, die vier Perfektionisten dieses Abends: zwei Männer, zwei Frauen, ausgelassen der eine, eher introvertiert die andere, weiter und immer weiter, als säße da nicht längst ein Publikum in Erwartung einer Vorstellung. Da wandelt sich das Wummern in ein dumpfes Rauschen, die Melodie setzt kurzzeitig aus, das Thema verliert sich, und plötzlich ist die Musik einfach weg. Ein verlegenes Zucken bleibt übrig bei diesem Quartett: Körper flehen um eine Rückkehr ihres Gebieters, doch statt seiner hat sich die nüchterne Stille breitgemacht.

So ist es nun an ihnen selbst, sich zum höchsten Glück aufzuschwingen. Etwa mittels Erwägungen über die Kreation eines perfekten Duftes.

Sie sei davon überzeugt, erklärt die Tänzerin von eben (Annemaaike Bakker), dass die Wirkung eines Parfums immer auch von den Hormonen seines Nutzers abhänge. Und zählt dann auf, für welche Duftstoffe das ganz besonders gelte. Für „Présence d’une femme“ von „Mont Blanc“. Für „Aqua di Gioia“ von „Giorgio Armani“ und „Trésor“ von „Lancôme“. Oder auch für „Essenza di Roma“ von „Laura Biagiotti“.

Immer mehr dieser klangvollen Namen lässt sie über ihre Lippen perlen, eine schier endlose Liste, mit andächtiger Stimme intoniert. Sie zelebriert das, huldigt dem Klang der mal französischen, mal italienischen Wortmelodie, statt der Parfumdüfte glaubt man bald Weihrauch zu erahnen: ein Gottesdienst für die Vollkommenheitsverheißungen einer Geruchsindustrie.

Was für sie die Duftwolke, das ist für ihn die Bohrmaschine. Genussvoll treibt der Handwerker (Andy Zondag) Schrauben in den Bühnenboden. „Ssssssst!“ macht der Apparat, schon sitzt das gute Stück. Präzise und fest. Der Mensch als allmächtiger Schöpfer, die Maschine als sein verlässlicher Knecht: Was für ein Hochgefühl der Perfektion!

Giesche kreiert Szenen, die unsere Sehnsucht nach Unsterblichkeit umkreisen, sie dabei stets kritisch reflektieren, ohne aber in eine plakative Aussage zu münden. Wenn etwa der Schraubenfetischist seine nächste Erfüllung in der Nachahmung cooler Posen von Models der Modebranche sucht, dann wird darin zwar unsere alltägliche Orientierung an medialen Leitbildern greifbar.

Die damit implizierte Kritik an unserem ästhetischen Herdentrieb stößt aber gleich im Selbstgespräch eines Akteurs (Justus Ritter) auf Widerspruch. „Bitte keine Nabelschau mehr!“, fordert dieser und schimpft dann in Jonathan-Meese-Manier auf die Aussteiger und ihre narzisstische Sucht nach Selbstverwirklichung. Individualität ist also auch keine Lösung.

„Der perfekte Mensch“ ist eine heiter ironische Parabel auf ein eigentlich zutiefst tragisches Problem: die Unmöglichkeit dauerhaften Glücks. Indem Giesche für dieses Problem so einfache wie starke Bilder findet, offenbart er, wie oft wir tagtäglich der Sehnsucht nach seiner Lösung unterliegen. Und auf welch vielfältige Weise wir an diesem Versuch scheitern.

Weitere Vorstellungen: am 16. und 23. Mai, jeweils um 20 Uhr am Theater Bremen, Kleines Haus.

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