Im Gespräch mit Autor Jaroslav Rudis

„Nationalstraße“ am Theater Bremen: „Düstere Energie“

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Alexander Swoboda, Betty Freudenberg und Fabian Ristau (v.l.) verkörpern am Theater Bremen die Vorstadthelden aus Jaroslav Rudis‘ Roman „Nationalstraße“.

Bremen - Von Rolf Stein. Am 17. November 1989 geht es rund in Prag. 15.000 Studenten demonstrieren auf der Nationalstraße im Zentrum der Stadt. Die Polizei schreitet ein, obwohl die Kundgebung genehmigt ist. 600 Demo-Teilnehmer werden dabei verletzt. Am nächsten Tag rufen die Prager Studenten zum Streik auf. Der Anfang der „Samtenen Revolution“ – mittendrin: ein Mann, der sich Vandam nennt.

Zumindest erzählt das die gleichnamige Figur in dem Buch „Nationalstraße“ des tschechischen Schriftstellers Jaroslav Rudis. Die Regisseurin Theresa Welge bringt den Roman am Sonntag am Theater Bremen als Deutschsprachige Erstaufführung auf die Bühne. Wir sprachen mit dem Autor über seinen schillernden Helden.

Herr Rudis, wie wurde Vandam, die Hauptfigur von „Nationalstraße“, zum Protagonisten ihres Romans?

Jaroslav Rudis: Vor sechs oder sieben Jahren lernte ich eines Nachts in einer Prager Kneipe diesen Typen kennen. Er strahlte ein düstere Energie aus, hatte aber, wie jede spannende Figur, auch sehr viel Humor. Und er war sehr belesen. Er hatte schon einen interessanten Knall. Noch in der Nacht habe ich eine kleine Geschichte daraus gemacht, weil ich so spannend fand, was er mir erzählt hat.

Sie schreiben ja auch Theaterstücke. Ist Ihnen nicht gleich die Idee gekommen, diese Figur auf die Bühne zu bringen?

Rudis: Ein befreundeter Theaterregisseur, der die Geschichte gelesen hat, sagte mir: Schreib das doch weiter und wir machen ein Theaterstück daraus. In Brno in Tschechien hat das dann 2012 ein kleines Off-Theater sehr erfolgreich aufgeführt.

Jaroslav Rudis

Vandam ist eigentlich ein „Wutbürger“ par excellence. Und wenn er behauptet, seinerzeit die „Samtene Revolution“ eigenhändig losgeschlagen zu haben, könnte man an „alternative Fakten“ denken. Wundern Sie sich selbst, wie aktuell Ihre Figur ist?

Rudis: Das Buch erschien in Tschechien schon 2013 und wurde ein bisschen anders gelesen. Aber wahrscheinlich lebten wir damals schon mit Halbwahrheiten und Lügen. Vielleicht war es noch versteckter, aber dieser neue Nationalismus schlummerte schon in der Gesellschaft, glaube ich. Ich bin allerdings schon erstaunt, wie aktuell das jetzt geworden ist. In Deutschland sind mehrere Theater in Deutschland daran interessiert, „Nationalstraße“ auf die Bühne zu bringen. Nach Bremen ist im Herbst das Staatsschauspiel Dresden an der Reihe.

Ein Rezensent schrieb, Vandam könne genauso gut aus Budapest oder Dresden kommen.

Rudis: Die Geschichte hat einen Tschechien-Bezug, aber offenbar erzählt sie etwas, was auch in Bremen oder anderswo verstanden wird. In den sechs Jahren, seit ich „Nationalstraße“ geschrieben habe, ist die Welt noch einmal deutlich kleiner geworden. Twitter steckte damals noch in den Kinderschuhen, und dass ein Politiker wie Donald Trump sich vor allem über Twitter äußert, war damals unvorstellbar.

Sie sind zurzeit im Rahmen eines Stipendiums in der Schweiz. Denken Sie, Sie könnten auch dort in einer Kneipe so eine Figur treffen?

Rudis: Bis jetzt hab ich hier keinen Vandam kennengelernt, aber diese Ängste zeigen sich auch hier. Der Regisseur, der gerade an der Verfilmung von „Nationalstraße“ arbeitet, hat mich neulich besucht. Bei einem Spaziergang hat er auf einer Wiese zwischen ein paar Häusern mit seiner Produzentin auf Tschechisch telefoniert. Tatsächlich hat jemand die Polizei gerufen, weil sie ihn verdächtig fanden. Die Schweizer Polizei hat ihn bis zu meiner Wohnung begleitet, wo er seinen Ausweis liegen gelassen hatte. Es gibt offenbar viele besorgte Bürger in Europa.

Gibt es denn etwas an Ihrem Roman, das spezifisch tschechisch ist?

Rudis: Vielleicht der Humor von Vandam. Es ist ein tieftrauriges und düsteres Buch, aber immer wieder taucht dieser Humor auf. Vielleicht ist das die letzte Rettung.

Die tschechische Kultur ist in Deutschland nicht sehr präsent. Nach der Wende schien es ein größeres Interesse an den ehemaligen Staaten des Warschauer Paktes zu geben. Woran könnte das liegen?

Rudis: Tschechien ist ein sehr undramatisches Land. Viel zu klein, zu überschaubar. Da muss schon einiges passieren, um in die internationale Presse zu kommen. Ich würde mir wünschen, dass die Kultur Tschechiens und anderer mittelosteuropäischer Länder in Deutschland präsenter wäre, aber es ist einfach so wie es ist. Nach dem Prager Frühling 1968 war das anders. Da gab es in Deutschland ein viel größeres Interesse an der tschechoslowakischen Kultur. Vielleicht beschäftigen die Leute sich heute mehr mit sich selbst. Deutschland ist da im Vergleich noch sehr offen.

„Nationalstraße“ von Jaroslav Rudis feiert als Deutschsprachige Erstaufführung am Sonntag, 18.30 Uhr, Premiere im Kleinen Haus am Theater Bremen; am Samstag, 20 Uhr, gibt es eine Voraufführung.

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