Leben im Theater

„Innerlich zieht es dir alles zusammen“

Bremen Theater Drogen Angst
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Kerstin beschloss aufzuhören. Mit dem Alkohol, mit den Tabletten.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Das neue Leben begann mit einem Taubheitsgefühl im Arm. Plötzlich Sehstörungen, Sprechprobleme. Die Ahnung: Das könnte ein Schlaganfall sein. Und dann die Angst.

Nicht vor dem Tod, sondern vor dem Rollstuhl. Vor einer anderen Form der Abhängigkeit: von Menschen statt von Drogen. Kerstin beschloss aufzuhören. Mit dem Alkohol, mit den Tabletten. Mit dem Methadon und dem Kokain. Mit 34 Jahren anfangen zu leben, diesmal wirklich. Heute, vier Jahre später, steht sie auf einer Theaterbühne und wartet auf ihren Einsatz.

Es ist das Aufwärmprogramm zur Probe der „Wilden Bühne Bremen“, einem „Theaterensemble mit ehemals drogenabhängigen Menschen“. Sie beginnt in großer Runde und mit kleiner Frage. Sie lautet: Wo denn? „Wo denn?“, fragt Sergej leise und schaut ganz betroffen. „Wo denn?“, fragt Antje ihre Nachbarin fordernd und sieht sie dabei streng an. Kerstin holt Luft, macht einen Schritt nach vorn, hält sich die Hand über ihre Augen. „Wo denn?“, ruft sie und lässt einen suchenden Blick durch den Raum schweifen.

Schauspielkunst verlangt Mut: zur Öffentlichkeit, zur Unabhängigkeit. Kerstins Leben aber war bislang eines der Isolation und Abhängigkeit. Was Theaterspielen bedeutet, weiß deshalb vielleicht niemand besser als sie. Sie weiß es seit ihrem ersten Tag bei der „Wilden Bühne“. Es war die Zeit nach der Sucht, als sie endlich frei war vom Diktat der Drogen. Nicht aber frei von ihrer Vergangenheit. Und ihrem größten Hindernis: dem eigenen Körper.

Posen für den Alltag: Szene aus „Der perfekte Mensch“.

„Er passt mit dem Kopf nicht zusammen“, erklärt Kerstin, als sie zur Probenpause vor die Tür tritt. „Was ich denke und was ich fühle, das hat miteinander nichts zu tun.“ Und dann spricht sie von dem Grund dieser Spaltung: den Misshandlungen durch ihren Vater. „Posttraumatische Belastungsstörung“ sagen die Psychologen dazu. Das Kind stößt den Körper ab wie ein lästiges Insekt, flüchtet sich in seinen eigenen Kopf: Im Kopf ist es sicher, dort kommt der Schmerz nicht hin.

Es wirkt, als spreche sie darüber aus weiter Ferne, als habe sich mit dem Körper auch die Erfahrung selbst längst von ihrer Persönlichkeit abgespaltet. Die Erfahrung der Ohnmacht gegenüber einem Vater, der vor ihr mit seiner Cleverness prahlte. Stolz sei er gewesen: „darauf, dass er an meinem Körper nie Spuren hinterließ.“ Damit niemand etwas bemerkt in Bremens feinem Stadtteil Oberneuland. Erst als Kerstin 16 wurde, gelang ihrer Mutter die Trennung: Auszug aus einer als Klinkerhaus getarnten Hölle.

Der Körper also, dieses fremde Wesen. Heute auf der Bühne muss sie ihn berühren. Lockerungsübungen und Stimmenschulung, mit großer Geste „Wo denn?“ rufen: eine Zumutung. Doch immer wenn sie so denkt, fällt ihr wieder dieser eine Satz ein, irgendwann aufgeschnappt in einer Selbsthilfegruppe. „Wo die Angst ist“, so lautet er, „da geht‘s lang.“ Die Angst aber wohnt auf der Bühne.

Theater aus Angst

Kerstins Leben, das ist ein Leben des Theaters. Oder vielmehr gleich derer zwei. Das Theaterleben Nummer eins findet in der Vergangenheit statt, das Leben Nummer zwei in der Gegenwart. Der Unterschied: Früher, im ersten Leben, spielte sie aus Angst. Heute spielt sie gegen die Angst.

Probenstart im Bremer Volkshaus: Kerstin soll eine Rolle übernehmen, die sie „die Künstlerin“ nennen. Doch erst drückt ihr die Regieassistentin einen Besen in die Hand, dann folgt auch noch ein Koffer. Nach Künstlerin sieht das nicht mehr aus, eher nach Bühnenarbeiterin. Ein bisschen lächerlich, man braucht Mut zu diesem Auftritt: Theater gegen die Angst.

Theater aus Angst: Das gilt für ihre verhängnisvolle Beziehung, damals in Bremen-Neustadt. Sie ist 19 Jahre alt, trinkt Alkohol, nimmt Tabletten. Er war mal Heroin-Junkie, gibt sich aber als „clean“ aus. Nur: für Alkohol und Haschisch gilt das nicht. „Wir hatten bald eine Art Wettstreit“, sagt Kerstin. „Darum, wem es dreckiger geht, wer mehr Mitleid verdient.“ Ein inszeniertes Elend, Flucht ins Spiel statt Mut zur Wirklichkeit.

Im zweiten Akt dieses Stücks setzt er sich wieder die Nadel. Kerstin will mithalten: ihre Rolle nicht verlieren, weiterspielen in der irren Tragödie des Niedergangs. Ihr Freund soll es auch ihr spritzen, Heroin als Stoff gegen die kalte Realität. Auch weil der Magen anfängt, sich gegen den Alkohol zu wehren. „Er war vom vielen Trinken schon kaputt.“

Die Tragödie mündet in eine Szene, wie sie sich Shakespeare nicht düsterer hätte ausmalen können. Im ersten Stock des Hauses der krebskranke Bruder, von den Tumoren schon querschnittsgelähmt. Unten die trinkende Mutter mit der fixenden Schwester. Wenn er etwas braucht, klopft er mit dem Besen auf den Boden. Doch es hört ihn niemand: Mutter und Schwester liegen zugedröhnt im Wohnzimmer.

Theater gegen Angst

Theater gegen die Angst bedeutet, eine Rolle zu riskieren statt sich hinter ihr zu verstecken. Eine Rolle, in der man scheitern kann. Eine Rolle wie die des Clowns, den Kerstin bei der Probe im Volkshaus jetzt spielen muss: mit Gießkanne an ein lächerlich kleines Stück Plastikrasen trippeln und die darauf verteilten Blümchen bewässern. Es kommt auf die Kleinigkeiten an, damit daraus Komik entsteht. Aufs präzise Timing zum Beispiel. „Gießen, grinsen, ins Publikum schauen!“, kommt es aus der Regie. Und noch mal: „Gießen, grinsen, schauen!“

Man muss dieses Spiel in ein Verhältnis zum Leben setzen, um seine Bedeutung zu ermessen. Zu einem Leben, über das sich schwer die Kontrolle erlangen lässt, wenn man schon mit 13 Jahren betrunken von der Polizei nach Hause gebracht wird. Kerstins Jugend, das ist eine Zeit der Selbstzerstörung, des Schneidens in die Unterarme, des versuchten Selbstmords. Sie leidet unter Borderline-Syndrom und Essstörungen, nimmt Alkohol und Tabletten, Haschisch und Heroin.

Selbst das Methadon-Programm, zu dem sie sich durchringt, hat nur eine neue Sucht zur Folge: Weil sie den Verzicht auf Heroin nicht aushält, steigt sie um auf Kokain. Oft zieht ihre Mutter los, um den Stoff zu besorgen. „Sie hat gut verdient“, sagt Kerstin. „Aber alles ist für die Drogen draufgegangen. Es gab Zeiten, da blieben uns zum Leben 80 Euro im Monat.“

Vergangenheit und Gegenwart: Auf der Probenbühne treffen sie sich, als Kerstin unter einen Tisch kriechen soll. „Bitte nicht!“, ruft sie. „Meine Beine machen das doch nicht mit.“ Später erklärt sie, was es auf sich hat mit ihren Beinen. Dass sie „kaputt“ sind: vom ständigen Spritzen. Auch ihr Immunsystem: hinüber. Und ihr Gedächtnis: ganz schwach.

Das falsche, angstgeleitete Theaterspiel aber ist überwunden. Nur manchmal, wenn sie in Schulen vor Jugendlichen spielt, kann es passieren: dass ein Lachen, ein höhnischer Spruch sie verunsichert. „Dann sage ich mir ganz bewusst: Ich bin eine erwachsene Frau, die da unten können mir gar nichts!“

Theater über Angst

Am nächsten Abend sitzt sie selbst im Publikum. Zum ersten Mal in ihrem Leben sieht sie professionelles Schauspiel am Bremer Theater. Ein skurriles Stück steht auf dem Programm. Sein Titel: „Der perfekte Mensch“. Kerstins Leben ist nicht perfekt. Sie wirkt nervös, als sie das Foyer betritt. „Für mich ist das eine große Herausforderung“, sagt sie entschuldigend und blickt scheu um sich. „Wie eigentlich alles.“ Vor vier Jahren hat sie sich nicht mal auf die Straße getraut.

Den „perfekten Menschen“, sagt Kerstin, gebe es nicht. Am Anfang ihres neuen Lebens hätte sie das gerne gehabt: die feste Form, in der sie mit sich selbst im Reinen ist und nichts mehr ändern muss. „Mittlerweile habe ich gelernt, dass ich das nie erreichen werde. So wie sich unser Ich ständig verändert, sind wir dazu verdammt, dem endgültigen Glück andauernd hinterherzurennen.“

Auf der Bühne suchen vier Darsteller im Tanz nach dem perfekten Moment: jeder ganz für sich, gefangen im Rausch der Musik. Später ahmt jemand Models aus Modezeitschriften nach, entlarvt ihre Posen als albernes Spiel fernab der Wirklichkeit – während eine Frau regungslos eine Zitrone zerkaut. Das alles hat viel mit Schauspiel zu tun. Aber mit Sucht?

„Oh doch!“, sagt Kerstin später im Theatercafé. Die Tänzer zu Beginn etwa: Deren widersprüchliches Verhalten sei ihr nur allzu vertraut. Einerseits suchen sie das Glück im intimen Moment des Rauschs. Andererseits schielen sie ständig nach ihren Nachbarn: Bewege ich mich richtig? Oder lacht man über mich? „Das zu sehen hat mich traurig gemacht.“ Oder der Mann, der so gerne ein Supermodel wäre: „Er zeigt, wie oft wir in unserem Leben Theater spielen. Und wie wenig uns dieses Theater weiterhilft, weil dabei nichts weiter herauskommt als eine verkrampfte Körperhaltung.“

Es ist der Anspruch, gegen die eigene Abhängigkeit von äußeren Einflüssen anspielen zu können. Selbst unter Drogen. „Wie bei der Frau mit Zitrone“, sagt Kerstin: „Innerlich zieht es dir alles zusammen, aber statt dass du dich zu deinen Gefühlen bekennst, wahrst du die Form.“

Theater ohne Angst

Sie kenne nur einen Ort, an dem der Mensch diesem Theaterzwang nicht mehr unterworfen ist – das Theater selbst. Es ist paradox: Erst das bewusste Theaterspiel befreit den Menschen vom alltäglichen Zwang zur Selbstinszenierung. Ausgerechnet im Schutz einer fremden Identität findet er zu sich selbst.

Auf dem Weg nach draußen erinnert sich Kerstin an ihren eigenen Aufbruch ins Ich. An den Tag, als etwas in ihr beschloss, statt der zwei Flaschen Rum am Tag nur noch eine zu trinken. An einen anderen Tag, als sie die Flasche Rum durch Wein ersetzte. Und an jenen Tag, als sie nach dem Alkohol auch das Kokain besiegte. „Ich hatte eine gute Entscheidung für mich getroffen“, sagt sie: „Zum ersten Mal in meinem Leben.“

------------------------------Hintergrund----------------------------

Wilde Bühne

Die „Wilde Bühne Bremen“ wurde vor zehn Jahren von den Theaterpädagoginnen und Schauspielerinnen Jana Köckeritz und Michaela Uhlemann-Lantow gegründet. Vorbild war der Verein „Wilde Bühne“ in Stuttgart, ein „soziokulturelles Forum für ehemalige Drogenabhängige“. Wer bei der „Wilden Bühne“ auftritt, hat in der Regel eine Alkohol-, Drogen- oder Spielsucht hinter sich. Dabei ist das „hinter sich“ wörtlich zu verstehen: Mitspielen darf nur, wer clean ist. Die Kompetenz der Ensemblemitglieder, sagen Köckeritz und Uhlemann-Lantow, bestehe nicht in ihrer ehemaligen Drogenabhängigkeit. Sondern vielmehr darin, „dass sie den Weg aus der Sucht gefunden haben“. Weitere Informationen im Internet unter: www.wilde-buehne-bremen.de

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