Marc Becker ermüdet in Oldenburg mit Gogols Komödie „Der Revisor“

Dreist siegt

Ausgangspunkt eines unaufhaltsamen Aufstiegs: Die Behausung des Möchtegern-Revisors Iwan Chlestakow, bewacht von dessen flötespielendem Diener Ossip (Vincent Doddema). ·
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Ausgangspunkt eines unaufhaltsamen Aufstiegs: Die Behausung des Möchtegern-Revisors Iwan Chlestakow, bewacht von dessen flötespielendem Diener Ossip (Vincent Doddema). ·

Von Johannes BruggaierOLDENBURG · Der Revisor kommt nicht mehr. Er ist schon längst da. Wir vermuten ihn irgendwo in den Fluren einer Brüsseler Behörde. In den Chefetagen dubioser Ratingagenturen. Oder in amerikanischen Geheimdiensten. Tagein, tagaus rechnen wir mit seiner Abrechnung. Mit dem vernichtenden Schlag, ausgeführt von irgendeinem unserer anonymen Oberaufseher in den Schaltzentralen der Macht.

Das Gefühl ständiger Kontrolle unseres Lebens war vielleicht nie stärker als heute, zu einer Zeit der digitalen Totalüberwachung der Bürger durch Politik und Wirtschaft. Was läge da näher, als den „Revisor“ auf den Spielplan zu setzen? Jene grandiose Komödie von Nikolai Gogol, die eine Gesellschaft in Angst und Schrecken beschreibt?

Regisseur Marc Becker hat diesen Stoff fürs Oldenburgische Staatstheater aufbereitet. Die real existierende Überwachung hat ihn dabei allerdings weniger interessiert. Vielmehr richtet er im Programmheft seinen Fokus auf eine Folgeerscheinung: die Korruption, jene Schmiergeldzahlungen, mit denen die verängstigte Gesellschaft sich freizukaufen hofft.

Das ist alles andere als ein abwegiger Gedanke, zumal Gogols Hauptfigur ja in Wahrheit gar nicht der gefürchtete Revisor ist, sondern lediglich dafür gehalten wird. Eine ganze Stadt geht vor ihm förmlich in die Knie, in der Hoffnung, damit eine günstige Beurteilung beim Zaren zu erwirken. Als man merkt, dass es sich bei dem vermeintlichen Oberaufseher in Wahrheit nur um einen dahergelaufenen Hochstapler handelt, hat sich dieser mit den Taschen voller Schmiergelder längst aus dem Staub gemacht. Derweil wartet vor dem Stadttor bereits neuer Besuch: der echte Revisor diesmal.

Gogols von ihrer eigenen Angst übertölpelte Gesellschaft könnte wahrhaftig so manches mit unserer Wirklichkeit gemein haben, und um dies auf der Bühne zu kennzeichnen, bedürfte es wohl nicht einmal aufdringlicher Aktualisierungen. Es würde wohl genügen, der raffiniert ironischen Entwicklung zu folgen. Doch das ist nicht nach dem Geschmack dieses Regisseurs. Marc Becker bevorzugt die lauten Töne, das schrille Kreischen und zotige Witzchen.

So lernen wir den ängstlichen Stadthauptmann Anton Antonjowitsch (Gilbert Mieroph) als Bilderbuchexemplar eines machtbewussten Provinzfürsten kennen: gierig, schmierig, stets auf den eigenen Vorteil bedacht. Und während Eva Maria Pichler mit hysterischer Stimme die emotional vernachlässigte First Lady gibt, gefällt sich Sarah Bauerett in der Rolle der Tochter als Dummchen mit Zahnlücke, wartend auf den Märchenprinzen.

In das anstrengende Geschrei dieser schrecklich netten Familie plärren zu allem Überfluss auch noch die beiden Gutsbesitzer Bóbtschinski und Dóbtschinski (Klaas Schramm und Bernhard Hackmann) hinein. Ihre idiotische Maskerade (mit Ohrenschützer und Mütze aus dem Häkelkurs) scheint für einen differenzierten Blick auf die Figuren nur sehr eingeschränkt tauglich zu sein, aber an einem solchen besteht ganz offenkundig ohnehin kein vorrangiges Interesse.

Das Ganze findet statt in einem erbärmlich finsteren Kabuff als Ausgangspunkt für den unaufhaltsamen Aufstieg des „Revisors“. Und später in einem umso herrschaftlicheren Kitsch-Park (Bühne: Harm Naaijer) als Endstation ebendieses Aufstiegs.

Der, dem dieser Aufstieg gilt, zeigt sich kaum weniger schrill als all die anderen Gestalten. Immerhin aber verleiht Eike Jon Ahrens seiner Figur des falschen Revisors mit lächerlichem Zylinder eine narzisstische Anmutung, die Frechheit als ursächliches Movens für die Verwechslung kennzeichnet. Wer nur dreist genug durch die Lande zieht, wer sein Essen erst nicht bezahlt und dann auch noch als unschmackhaft tadelt, der bekommt am Ende die Taschen voll: So viel wenigstens lässt sich erfahren aus diesem sonst so ermüdend überdrehten Spiel. Vincent Doddemas schweigsame Interpretation des piratenäugigen Dieners Ossip ist ein weiterer Lichtblick.

Dass mehr nicht zu erwarten ist, liegt weniger an der knallig comichaften Ästhetik selbst als vielmehr einem erschreckenden Mangel an relevanten Bezügen zum Hier und Heute. Weil Becker nicht mehr einfallen will als eine Kaskade von Späßchen auf Teufel komm‘ raus, wird Gogols Klassiker zum Trauerspiel: eine große Chance, leichtfertig vertan.

Kommende Vorstellungen: am 17., 20. und 28. Dezember, jeweils um 20 Uhr im Oldenburgischen Staatstheater (Kleines Haus).

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