In den dreißiger und vierziger Jahren fand der Fotograf Alfred Ehrhardt im Wattenmeer die Bauhaus-Ästhetik / Ausstellung in Oldenburg

Neue Sachlichkeit in Schlickfangbänken

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Alfred Ehrhardt: „Rundwellungen im Sandboden“ (1933-36).

Oldenburg - Von Johannes Bruggaier. Eine Laune der Natur, ein Muster, von Wind und Wellen eingegraben in den Sand des deutschen Wattenmeers: Es fällt nicht leicht, diese zittrige, filigrane Struktur mit Worten zu beschreiben. Doch dann fällt der Blick auf den Titel dieser Fotografie. „Vierfache Unterteilung der Wellungsrichtung“ steht da. Kein Zweifel, das trifft‘s. - Von Johannes Bruggaier.

In den dreißiger und vierziger Jahren war der Fotograf und Dokumentarfilmer Alfred Ehrhardt an der deutschen Küste unterwegs. Es war die Zeit des Naziterrors und eines aufbrechenden Weltkriegs. In den Städten brannten erst Bücher, dann jüdische Geschäfte. Doch Ehrhardt fotografierte „Bodenwellungen“ und „fließende Formen“, „geriffelte Sandflächen“ und „Schlickfangbänke“.

Die Ausstellung seiner Fotografien im Oldenburger Landesmuseum lässt den Betrachter unweigerlich an diese Diskrepanz denken. Dabei geht die Schau selbst an keiner Stelle auf politische Bezüge ein, lediglich ein Nebensatz weist darauf hin, dass Ehrhardt Repressalien des NS-Regimes ausgesetzt gewesen sei. Handelt es sich bei den fotografischen Naturstudien am Watt also um eine Flucht aus den Zuständen jener Zeit?

Zum Teil mag das so sein: Menschen sind fast nicht zu sehen in den großzügigen Landschaften, Zeugnisse der Zivilisation wie Häuser und Boote lassen sich allenfalls in der Ferne ausmachen. Was zählt, ist allein die Natur, in ihrer einfachen inneren Ordnung.

Gerade das allerdings wirkt dann doch in einem indirekten Sinne politisch, nämlich wie die trotzige Zurschaustellung einer verfemten Ästhetik als Teil der Natur. Ehrhardt hatte Ende der zwanziger Jahre am Dessauer Bauhaus studiert, sich unter anderem von Oskar Schlemmer inspirieren lassen.

Dies allerdings, die „Neue Sachlichkeit“ galt in den Dreißigern als „Kulturbolschewismus“. Seine Dozentenstelle an der Hamburger Landeskunstschule musste er abgeben, an eine Fortsetzung der künstlerischen Tätigkeit war nicht zu denken.

Und dann das: „Neue Sachlichkeit“ im Sand des deutschen Wattenmeers, die Grundformen der Bauhaus-Ästhetik ausgerechnet auf dem urgermanischen Grund und Boden! Man kann sich vorstellen, mit welch zwiespältigen Gefühlen Ehrhardt angesichts dieser offenkundigen Parallelen durch den Schlick streifte, den Hohn und die Verzweiflung, den Zorn und die Resignation.

Doch mit der Zeit wich der Zorn einer Erkenntnis: dass sich mit dem Mittel der Fotografie auf ganz unverfängliche Weise an die verbotene Ästhetik anküpfen ließe. Abbildungen des Wattenmeers unter Strafe zu stellen, auf diese Idee würde wohl niemand kommen.

So fotografierte er Reflexionen des Sonnenlichts in bizarren Sandformationen, karge Ebenen mit zufällig entstandenen Wasserläufen. Und eimal auch einfach nur eine „stille glückliche Insel“ fern am Horizont unter der friedlichen Abendsonne. Auf den politischen Kontext ihrer Zeit wirkt sie wie ein ironischer Kommentar.

Bis 17. Mai im Niedersächsischen Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg (Schloss). Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags 10-18 Uhr.

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