Felix Bürkles „Beckett, Beer and Cigarettes“ eröffnet Tanz-Minifestival „Xtra Frei“ in der Schwankhalle Bremen

Drei Männer und ein Fläschchen

Beckett

Von Tim SchomackerBREMEN (Eig. Ber.) · Wenn Bierflaschen eine Seele hätten, vielleicht würden sie genau davon träumen nach einer durchzechten Barnacht oder wenn sie nach einer Fußballparty von verkaterten Gastgebern aus den letzten Regalzentimetern geräumt werden: Instrument sein, Requisit und Akteur.

In Felix Bürkles „Beckett, Beer and Cigarettes“ für Tänzertrio mit angeschlossenem Trompeter sind sie all das. In hochvirtuoser Choreographie rollen, fliegen und klappern sie am Eröffnungsabend von „Xtra Frei“ durch den großen Schwankhallensaal. Als erste von sechs Positionen zu zeitgenössischem Tanz, die bis Sonntag bei diesem Minifestival vorgestellt werden.

In der choreographischen Wirklichkeit geht es allerdings weniger träumerisch zu. Die Bierflaschen sind aus einem ganzen Arsenal von Alltagsgegenständen übrig geblieben. Mit seinem europäisch verästelten Ensemble hat Bürkle einen Raum geschaffen, der sich permanent verändert, der Akteuren wie Zuschauenden die Möglichkeit gibt, den Aktionen nachzuhorchen. Und eine Arbeit, die einen merken lässt, dass er über den Neuen Zirkus zum Tanz kam. Bierkästen klingeln und rütteln sanft, Schritte vermengen sich klanglich mit den Dronesounds langsam gezogener Tische und Stühle. Wenn Bruce Naumans Körperperformances im Hallraum Beckettscher Theaterfragestellungen den einen, harten Weg vornehmen, geht Bürkle mit seinem Team den anderen, melancholischeren. Die leisen, kargen, langsamen Töne und Bewegungen der Auftaktperformance von „Xtra Frei“ 2010 haben gewissermaßen alle Hände voll zu tun, sich gegen die viel unmittelbarer eingängigen akrobatischen Bestandteile zu behaupten. Halb voll, halb leer; wie eine Bierflasche eben.

Ist „Beckett, ...“ ein Stück für Junge verschiedenen Geschlechts und Alters, stellen Yossi Berg und Oded Graf (Tel Aviv / Dresden) ganz offensiv die Frage nach männlichkeitsstiftenden Gesellschaftsingredienzien: Laut, bunt, sexy, gewalt(tät)ig. „4Men, Alice, Bach And The Deer“ ist in einem Doppelprogramm mit Renate Graziadeis konzentriert-kargem Solo „Rückwärts“ zu sehen (19. Juni). Gerade wegen der verschiedenen Zugänge nicht nur zu Tanzräumen, sondern auch zu Traditionen, Erinnerungen und Vor-Geschichten eine mutmaßlich kluge Kombination.

Einen ähnlichen Balanceakt verspricht das Sonntagsprogramm: Hier trifft die sprachgewaltige Kommunikationsstudie der in Bremen aufgewachsenen Kosmopolitin Hanna Hegenscheidt auf Mimi Yeongs (unter anderem Tänzerin der Bremer Stadttheatersparte) Trio „Hidden“. Nicht zufällig sind in der Beschreibung dieser videogestützten Arbeit die Kardinalbegriffe – Geschenk, Fremder – in dicke Gänsefüßchen gesetzt.

Auch wenn mit dem Norddeutsche Tanztreffen in Hannover und anderen lokalen choreographischen Aktivitäten ein Teil der hiersigen Tanzszene gar nicht zugegen war, durfte sich der Auftakt über volle Ränge freuen. Wenn’s so bleibt, dürften die Austäusche zwischen Akteuren und Publikum ähnlich entspannt sich erweisen wie anfangs – mit Beckett, Bier und Zigaretten.

Xtra Frei läuft noch bis morgen in der Schwankhalle. (http://www.schwankhalle.de)

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