Drei Jahrzehnte Ewigkeit

„Neunte Kunst“: Neil Gaimans Comic-Zyklus „Sandman“ wird 30 Jahre alt

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Neil Gaiman bei der New York Comic Con 2018.

Syke - Von Jan-Paul Koopmann. Es gibt zwei Antworten auf die Frage, ob Geburtstag haben kann, wer ewig lebt. Die erste ist einfach und lautet: Ja. Neil Gaimans legendärer Comiczyklus „Sandman“ wird in diesen Tagen 30 Jahre alt. Im Januar 1989 erschien das erste Heft dieser auf über 2. 000 Seiten angewachsenen Saga, die Comic, Film und Fantasy bis heute maßgeblich geprägt hat.

Die zweite Antwort ist komplizierter und wahrscheinlich wichtiger. „Sandman“ handelt nämlich von den personifizierten Urmächten der Welt, den so genannten Endless: Hauptfigur Dream und seine Geschwister Destiny, Death, Destruction, Desire, Despair und Delirium. Und die Frage, wie die so leben und warum ständig gleich ganze Welten untergehen, wenn mal einer von ihnen krank wird, sich verliebt, oder zum Beispiel Geburtstag hat, das sind grob gesagt die Aufhänger vieler Geschichten der Reihe.

Das Setting ist gespickt mit Verweisen auf irdische Mythologie, Okkultismus, und heilige Schriften. Vor ein paar Jahren kam eine großformatige Ausgabe mit Erläuterungen heraus („The Annotated Sandman“), die in beinahe jedem zweiten Panel entsprechende Anspielungen aufdeckte. Von Umdeutungen klassischer Comicfiguren geht es dort schnell weiter zur „großen Literatur“. Hauptfigur Dream, der „Sandman“, umgibt sich über die Jahrtausende mit aus der Geschichte bekannten Schriftstellern, Heiligen und Künstlern, die ihm Träume für sein Reich entwerfen.

Das wäre furchtbar kitschig, gäbe es da nicht diesen scharfen Kontrast zur Wachwelt - zur pessimistischen Untergangsstimmung der späten 80er-Jahre. Viele Träumer sind drogenabhängig, Serienmörder gehen um, die Menschen ist verarmt und ausgebrannt: die Welt geht vor die Hunde. Mitunter wirkt das heute etwas schwülstig. Tatsächlich erschütternd ist aber die Teilnahmslosigkeit, mit der die ewigen Geschwister das Leid hinnehmen. Das ewige Leben hat sie sichtlich abgehärtet gegenüber den Problemchen humaner Eintagsfliegen, solange deren persönliche Dramen nicht irgendwie vertrickt sind mit dem großen Ganzen. Wie Menschen als belanglose Statisten ein Leben meistern, das gemessen an der Unendlichkeit nicht die geringste Rolle spielt, ist wohl die spannendste Frage der Reihe.

Für Neil Gaiman war „Sandman“ der große Durchbruch. Von hier aus hat er seinen Arbeitsschwerpunkt vom Comicskript auf den Roman verlegt - und wurde zum Superstar von Fantasy- und Horrorliteratur. Bücher wie „Coraline“ und „Sternwanderer“ sind fürs Kino verfilmt worden, „American Gods“ lief ab 2017 als TV-Serie auf dem amerikanischen Pay-TV-Sender Starz. Zusammen mit Multimedia-Künstlern wie Dave McKean hat Gaiman in „Sandman“ den Magischen Realismus in die Postmoderne hinüber gerettet und einen mit Philosophie angefütterten Genremix aus Fantasy, Horror, Krimi und Thriller erschaffen. 30 Jahre ist das jetzt her, in denen die neue Fantastik mit Harry Potter, Percy Jackson und so weiter entschärft und vereinfacht in den Mainstream hinübergewandert ist und heute ein Millionenpublikum begeistert. So interessant wie in „Sandman“ ist das Genre nicht wieder geworden.

Zum Weiterlesen:

Die „Sandman“ Reihe liegt auf deutsch in verschiedenen Editionen bei Panini Comics vor.

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