Hannovers Staatsschauspiel zeigt „Was nie geschehen ist“

Drei Frauen, drei Generationen

Erinnerungen können lustig sein, aber manchmal auch schwer erträglich – Anja Herden (l.) und Irene Kugler als Tochter und Mutter. Fotos: Kerstin Schomburg

Hannover - Von Jörg Worat. „Ich erinnere mich genau“: Wer hat diesen Satz nicht schon wiederholt im Brustton der Überzeugung gesagt? Dass man mit derartigen Behauptungen indes sehr, sehr vorsichtig sein sollte, zeigt eine neue Produktion des hannoverschen Staatsschauspiels. Die Uraufführung von „Was nie geschehen ist“ nach dem autobiografischen Roman von Nadja Spiegelman im Ballhof gehört zu den bisherigen Highlights der Saison.

Die Eltern der Autorin sind bekannte Persönlichkeiten, doch um Kolportage aus Promi-Kreisen geht es hier überhaupt nicht. Sondern um Allgemeingültiges: Nadja Spiegelman fragte sich, worin eigentlich die nach eigenem Empfinden oft überraschenden Vorwürfe ihrer Mutter Françoise begründet lagen, und kam zu dem Schluss, dass die Problematik ungeklärt bleiben müsse, wenn nicht wiederum das Verhältnis zwischen Françoise und deren Mutter Josée offengelegt würde. Nun wird die Geschichte dieser drei Frauen aus drei Generationen erzählt.

Wobei der Singular nicht angebracht ist, denn es stellt sich heraus, dass jede Protagonistin ihre eigene Wirklichkeit hat. Und im Extremfall auch dann nicht davon abrückt, wenn sie stichhaltig widerlegt wird: Da würde eine der Frauen jeden Eid schwören, an einem bestimmten Datum einen bestimmten Film gesehen zu haben, der jedoch zum besagten Zeitpunkt noch gar nicht erschienen war.

Was ein eher harmloses Beispiel ist. An anderer Stelle glaubt Josée, mit Françoise niemals gestritten zu haben; ihr ist entfallen, dass sie die Tochter einst sogar zwangsweise zum Psychiater geschickt hat: „Mit 16 ist jeder ein bisschen verrückt“, versucht sie ihr Handeln nachträglich zu verharmlosen. „Ich war dreizehn“, kontert Françoise. Die später ihrerseits Nadja beim Psychologen anmeldet – es gibt ja die Tendenz, dass sich manche Strukturen über die Generationen hinweg fortsetzen.

Im weiteren Verlauf treten immer neue Hintergründe im Leben der drei nach außen hin so starken Frauen zutage, und manche dieser Erzählungen sind nur schwer erträglich, wenn es etwa um die sexuellen Übergriffe des Großvaters oder den Selbstmordversuch der Mutter geht. Gleichwohl versinkt die Inszenierung nicht in bleierner Schwere, und bei allem Mangel an äußerer Action wird sie über 110 pausenlose Minuten nicht langweilig. Regisseurin Alice Buddeberg hat sogar fein dosierten Humor beigemischt, den die Schauspielerinnen Anja Herden, Irene Kugler und Amelle Schwerk einfühlsam umzusetzen wissen. Denn zuweilen hat die hilflose Beharrlichkeit der Figuren etwas Rührendes, und Selbstironie zeigen sie punktuell auch: Françoise erinnert sich, mit welcher Begeisterung sie 1968 in den Straßen von Paris „Freiheit für Guyot!“ rief – ganz egal, dass sie dabei keinen Schimmer hatte, wer das war.

Es wäre deutlich zu kurz gedacht, wollte man diesen Abend in eine Schublade mit der Aufschrift „Wieder einmal ein Frauenthema bei Intendantin Sonja Anders“ stecken, wenngleich hier natürlich nicht zu knapp weibliche Rollenmuster verhandelt werden. Die potenzielle Unzuverlässigkeit bei der Konstruktion der eigenen Biografie ist jedenfalls nicht vom Geschlecht abhängig.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Virologe: Sars-CoV-2 bleibt wohl wie Influenza dauerhaft

Virologe: Sars-CoV-2 bleibt wohl wie Influenza dauerhaft

Umwelt-Drama: Diese sieben Reiseziele werden "dank" Kreuzfahrtschiffen komplett zerstört

Umwelt-Drama: Diese sieben Reiseziele werden "dank" Kreuzfahrtschiffen komplett zerstört

Das Motorrad fit für die Saison machen

Das Motorrad fit für die Saison machen

Mode-Klassiker der 1970er kommen zurück

Mode-Klassiker der 1970er kommen zurück

Meistgelesene Artikel

Woher kommen, wohin gehen

Woher kommen, wohin gehen

Zur Entspannung etwas Mozart

Zur Entspannung etwas Mozart

Der zweite Blick

Der zweite Blick

Weserburg-Geschäftsleiter Tom Schößler: „Saß selbst ein paar Stunden an der Kasse“

Weserburg-Geschäftsleiter Tom Schößler: „Saß selbst ein paar Stunden an der Kasse“

Kommentare