Bremer Raths-Chor in der Kirche St. Ursula

Dramatische Attacken, radikal gekürzt

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Der Bremer Raths-Chor mit Gästen.

Bremen - Von Ute Schalz-laurenze. Dass der junge Felix Mendelssohn Bartholdy kompositorisch eine Hochbegabung war, ist vielen bekannt. Dass er einer der besten Pianisten seiner Zeit war, weiß man schon weniger – und noch weniger, dass er 1829 mit seiner Aufführung der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach mit der Berliner Singakademie nicht nur 100 Jahre nach ihrer Entstehung dessen Wiederentdeckung präsentierte, sondern damit auch den dann nicht mehr unterbrochenen Siegeszug im Oratorienrepertoire einleitete.

Die folgenschwere Entscheidung des 20-Jährigen, das Werk zur Aufführung zu bringen, war die Folge eines Weihnachtsgeschenks seiner Oma, die dem Enkelgenie die Partitur von Bach schenkte. 100 Jahre nach der Komposition hatte sich das Konzertleben entscheidend verändert: Ein breites Laienchorwesen für große Konzerträume war entstanden. Und so sangen in der Berliner Aufführung über 150 Sänger und machten Bachs Werk zum festen Bestandteil des Repertoires nahezu jeden Kirchen- und weltlichen Chores.

Auch wenn wir heute wissen, dass Bachs Chöre solistisch besetzt waren, ist eine solche Wiedergabe ein aufregendes, seinerseits ein historisches Dokument. Das war jetzt durch den Bremer Raths-Chor in der ausverkauften Kirche St. Ursula zu erleben, der sich auf Mendelssohns Konzeption bezog. Mendelssohn hatte mehrere Eingriffe vorgenommen: Besonders im zweiten Teil kürzte er radikal zugunsten der reinen Passionsgeschichte – keinesfalls wollte er, dass es langweilig wird. Das zentrale „Ach, Golgatha“ singt der Sopran statt des Alt, die Arie „Aus Liebe will mein Heiland sterben“ stattet Mendelssohn mit schwindelerregenden Höhen aus, denen Cornelia Samuelis eine ergreifende Intensität verleiht.

Aber das meiste ist natürlich Bach, und die Aufführung unter der Leitung von Jan Hübner, der den Chor seit 2013 leitet und ihn demnächst verlassen wird, wird ebenso zu einem dramatischen Großereignis wie es Inseln der Innerlichkeit und der Meditation bietet. Die großen Attacken wie „Sinds Blitze, sinds Donner“, aber auch der tränentreibende regelrechte Stillstand von „Wenn ich einmal soll scheiden“, gelingen überwältigend. Sauber arbeitet Hübner die dialogische Doppelchörigkeit aus.

Aller Einsatz nutzt wenig, wenn die falschen Partner ausgesucht werden, und in dieser Hinsicht muss man bewundern, mit welcher künstlerischen Sicherheit hier sowohl das Orchester und besonders auch die Solisten ausgesucht wurden. Das Barockorchester „la festa musicale“ wurde erst 2014 gegründet und ist schon auf dem Sprung zu den großen Festivals der Alten Musik. Gesamtklang und Spielfreude hinterlassen einen mehr als guten Eindruck. Wolfgang Klose ist mit seiner gekonnten Erzähltechnik ein spannungsgeladener Evangelist, Henryk Böhm ein fantastisch geschmackvoller Jesus mit würdevoller Diktion, Jörg Gottschalk versieht die Bass-Partien mit szenischem Charakter. Altistin Katharina Kammerloher ergänzt das perfekte Solisten-Ensemble.

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