Dostojewskis Roman „Der Idiot“ als zähe Verhaltensforschung am Theater Bremen

Gefühle im Labor

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Ist noch alles dran: Fürst Lew Myschkin (Alexander Swoboda) betastet Ganja Iwolgin (Johannes Kühn).

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Für den Philosophen Thomas Hobbes war der Mensch dem Menschen ein Wolf. Und Adam Smith, der Begründer der klassischen Nationalökonomie, sah im naturgegebenen Eigennutz die Triebfeder jeder gesunden Volkswirtschaft: Der Mensch ist ein Egoist und steht sogar dazu.

Der selbstlose Mensch dagegen kann sich der gesellschaftlichen Anerkennung nur solange sicher sein, wie er sein gutes Handeln in der Währung von Lob und Liebe refinanzieren lässt. Meint er das mit dem Altruismus ernst, ist er schon bald nicht mehr gut, sondern nur noch ein Idiot. Wie, du meldest deine Putzfrau an? Macht doch fast keiner! Du ziehst selbst für zehn Minuten ein Parkticket? Wie überflüssig! Wartest auf menschenleerer Straße an der roten Ampel? Was für ein Idiot!

Am Bremer Theater ist so ein Exemplar nun zu erleben, in einer Bühnenfassung von Fjodor Dostojewskis Roman „Der Idiot“. Frank Abt hat das gewaltige Epos auf dreieinhalb Stunden zusammengestrichen und ihm eine theatertaugliche Struktur zu verpassen versucht. Er ist damit nicht der Erste, zuletzt war vor einem Jahr Stephan Kimmig in Hamburg an dieser Aufgabe gescheitert. Deren Hauptproblem: einen nicht eben einfachen Plot in verständliche und doch zügige Handlung umzuwandeln.

In Bremen soll dies durch ein betont laborartiges Ambiente gelingen. Das leere Podest verspricht szenische Studien zur Verhaltensforschung, durchexerziert vom siebenköpfigen Bühnenpersonal. Wer gerade nichts zu tun hat, nimmt hinter der Erhöhung auf einem Stuhl Platz und verfolgt das Geschehen durch einen Lamettavorhang (Bühne: Michael Köpke). Nur Johannes Kühn darf, sofern er nicht als Ganja Iwolgin unterwegs ist, links der Bühne in die Klaviertasten greifen und mit sonorer Stimme nachdenkliche Lieder intonieren.

Als „Idiot“ Fürst Lew Myschkin präsentiert sich Alexander Swoboda in betont modefernem Strickpullover. Wie ein wissenschaftlicher Projektleiter verkündet er Ziel und Zweck des Experiments: Er wolle heute Abend mal offen und ehrlich von seinen eigenen Gefühlen sprechen, das sei ja sonst eher nicht so erwünscht.

Was also passiert, wenn einer seine Gefühle offenbart? Er verstört seine Umwelt, stürzt seine Freunde und Verwandte ihrerseits in Gefühlsextreme. Etwa Ganja Iwolgin, den er mit der Einschätzung erfreut, dass er ganz gewiss „kein Schuft“ sei, sondern – und da schlägt die Freude in Ärger um – vielmehr ein „besonders gewöhnlicher“ Mensch. Oder Nastassja Filippowna (Nadine Geyersbach), der er seine Liebe bekundet. Wobei er aber durchscheinen lässt, dass diese Liebe nur eine des Mitleids ist. Der gute Mensch ist für die Gesellschaft eine Zumutung, das wird früh deutlich. Zu früh.

Denn ob in der Auseinandersetzung mit der dämonisch finsteren Nastassja oder mit derem Brautwerber Parfjon Rogoschin (Robin Sondermann): In Abts episodenhafter Abfolge von Verhaltensexperimenten scheinen alle Szenen wie Wiederholungen, nur mit neuen Gesichtern. Diese einer stringenten Handlung zuzuordnen, dürfte des Romans unkundigen Theaterbesuchern geradezu unmöglich sein. Warum wer wen begehrt und weshalb auch noch Geld bezahlt, entgegennimmt oder ablehnt: Das alles nachzuvollziehen, fällt selbst dem vorbereiteten Publikum nicht leicht.

Es zeigt sich bald, dass sich Dostojewskis dunkle, von mysteriöser Todes- und Wahnsinnssymbolik durchzogene Prosa nicht ohne Weiteres auf eine sachlich kühle Versuchsfläche zerren lässt. Wer sie einer aufklärerischen Absicht unterwirft, verkennt, dass es ihr dazu an Plastizität mangelt. Versucht man es dennoch, kommt es zu fatalen, offenkundig unbeabsichtigten Deutungsmustern. Dann drängt sich beispielsweise der Eindruck auf, dass Myschkin es sich in seiner Empathie bequem macht und seinem Dauerverständnis nicht viel mehr zugrunde liegt als eine Flucht aus der Eigenverantwortung.

Alexander Swoboda vermag erst spät, dieser statischen Versuchsanordnung so etwas wie eine Entwicklung entgegenzusetzen. Als Myschkin auf einer Abendveranstaltung über die Stränge schlägt und dabei sogar eine Vase zerdeppert, erkennt er überglücklich, dass die feine Gesellschaft ihm diese „Fehler“ nicht nur vergibt, sondern sogar froh ist, ihn endlich einmal als Menschen mit Schwächen erlebt zu haben. „So muss das sein!“, ruft er, von der plötzlich einvernehmlichen Geselligkeit ganz beseelt. Gleich darauf allerdings stimmt er eine Grundsatzrede an über seine Ängste vor dem Versagen, seine Freude über das Verzeihen und sein Unverständnis über gesellschaftliche Gepflogenheiten, welche die Geste immer höher bewerten als den dahinter stehenden Gedanken.

Er hat so was von recht mit diesen Anmerkungen. Und doch ist es gerade die offene Aussprache dieses Phänomens, die peinlich anmutet und den eben noch glücklich integrierten Sonderling gleich wieder aus der Gesellschaft hinausbefördert. Eine Ahnung von Veränderung wird da im Verhalten des Fürsten sichtbar, ein Bewusstwerden der Unvereinbarkeit von Empathie und Glück.

Ein Abglanz dieser Wandelfähigkeit findet sich auch bei Robin Sondermann, der zwei Rogoschins spielt: einen vor der Ermordung Nastassjas – jähzornig, besitzergreifend, hassliebend – und einen danach – melancholisch, sanftmütig, wie von einer schweren Krankheit genesen. Nadine Geyersbach derweil überzeugt zwar mit einer von ihren Erfahrungen des Benutztwerdens gezeichneten Nastassja. Dieser allerdings wünschte man im Verlauf des Stücks auch die Entdeckung weiterer Facetten.

Doch Entwicklung und Veränderung werden nun mal kleingeschrieben an diesem Abend. So kann der Idiot auch gar nicht anders, als ein Idiot zu bleiben. Was sich aus der erneuten Einweisung des Fürsten in eine Nervenheilanstalt lernen lässt, ist so altbekannt wie traurig: Altruismus lohnt nicht.

Kommende Vorstellungen: am 21. Dezember und 11. Januar, jeweils um 18.30 Uhr sowie am 17. und 24. Januar um 19 Uhr.

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