Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen kehrt in die Glocke zurück

Doppeltes Heimspiel

Wieder geöffnet: Das Konzerthaus Glocke in Bremen.
+
Wieder geöffnet: Das Konzerthaus Glocke in Bremen.

Bremen – Willkommen zurück im Konzertalltag? Mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen kehrte erstmals ein großes Orchester zurück in die Glocke, um unter „Corona-Bedingungen“ zu musizieren. Zwei einstündige Konzertprogramme hatte das Ensemble unter der Leitung von Yoel Gamzou einstudiert und jeweils am Sonnabend und Sonntag gespielt. „Sonderkonzerte“ der ungewöhnlichen Art in ungewöhnlichen Zeiten.

Inmitten der Coronakrise gibt es – auch mit der Wiedereröffnung der Glocke – starke Ausrufezeichen der Hoffnung. Dass mit Yoel Gamzou der Generalmusikdirektor des hiesigen Theaters am Pult der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen debütierte, ist ebenso bemerkens- wie begrüßenswert. Auf Anhieb schienen sich das sehr aufmerksam und mitreißend spielende Orchester und der souverän die Musiker animierende Gastdirigent bestens verstanden zu haben. Ja, man darf von aufregenden, herausragenden Interpretationen der vorgestellten Werke von Korngold, Mahler und Weill berichten.

Das erste Konzert eröffnete die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen mit Korngolds Suite „Viel Lärm um Nichts“ – eine beeindruckende Talentprobe des damals 20-jährigen Komponisten, der zu den besten Orchestrierungskünstlern des 20. Jahrhunderts zählte. Mit gewohntem Oberkörpereinsatz betonte Yoel Gamzou die rhythmischen und tänzerischen Elemente dieser an Shakespeare angelehnten Musik. Herrlich, wie das Orchester Hollywood-Glanz, Wiener Schmäh und die Raserei eines Schostakowitsch zu einer bunten Folge kombinierte. Ob Bratsche, Cello oder Flöte: Die Solisten gaben dem Stück ein besonderes Flair.

Obwohl quasi „nur“ als Zwischenspiel zur danach folgenden 2. Sinfonie von Kurt Weill platziert, geriet das bekannte Adagietto aus der 5. Sinfonie von Gustav Mahler zu einem Ereignis. Zarter und zugleich transparenter kann man diese Musik kaum spielen. Die Floskel „er formte den Klang mit seinen Händen“ charakterisiert perfekt Yoel Gamzous Dirigat.

Auch im zweiten Konzert, ganz Mahlers 4. Sinfonie gewidmet, zeigte sich, dass der charismatische Dirigent ein überragender Gestalter der langsamen Sätze ist und unaufgeregt maximale Intensität bewirken kann. Das im „Ruhevoll“ betitelten dritten Satz zu hörende Ausfeilen der Details und Arbeiten an Klängen und Emotionen zog sich durch die komplette Sinfonie, deren kammermusikalischer Grundton dem immerhin mit über 40 Solisten besetzten Orchester entgegenkommt. Um die im Original noch deutlich größer zu besetzende Sinfonie spielen zu können, hatte Yoel Gamzou eigens eine geschickte Überarbeitung vorgenommen, deren Unterschiede zum Original kaum zu erkennen waren. Natürlich klingt ein doppelt so stark besetzter Streicherapparat anders, aber die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen weiß solche Hürden mit ihrem großen Ton zu nehmen. Umso stärker ist die Interpretation zu loben, die Yoel Gamzou und das Orchester vorstellten: Was als vermeintlich idyllische „Natursinfonie“ begann, entwickelte sich alsbald mit gespenstischen und explosiven Stellen zu einem Blick in die Abgründe und ins Jenseits. Mit ihrem großen, nicht sehr textdeutlichen Mezzo gab Anna Lucia Richter dem im 4. Satz vertonten „Wunderhorn“-Lied attraktive, klangvolle Töne.

Nicht vergessen werden soll aus dem ersten der beiden Konzerte Weills 2. Sinfonie, das letzte rein instrumentale Stück, das der Komponist in seinem Exil fertiggestellt hatte, bevor er später am Broadway erfolgreich wurde. Dieses Werk mit seiner oft kantigen Melodik kam den Qualitäten der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen entgegen, weil sie zugleich mit wunderschönen Soli glänzte und mit einem dunklen, vollen Sound, rhythmischer Energie und zupackendem Spiel aufhorchen ließ.

Und die Rahmenbedingungen? Wer jetzt in die Glocke geht, dem begegnen vergleichsweise wenige Menschen: Die mit Absperrband eingerichteten Foyers sind fast gespenstisch leer und im Saal herrschen großzügige Abstandsregeln – jede zweite Sitzreihe wurde ausgebaut und zwischen einem Doppelsitz werden drei Plätze frei gehalten. Dennoch kann Atmosphäre entstehen, wie die lautstarke Zustimmung, auch mit den Füßen, bewies.

Von Markus Wilks

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Bayern danken ihrem "Mr. Supercup" - Neuer: Schön vor Fans

Bayern danken ihrem "Mr. Supercup" - Neuer: Schön vor Fans

Bayern gewinnt den UEFA-Supercup: Martínez sticht als Joker

Bayern gewinnt den UEFA-Supercup: Martínez sticht als Joker

Was Autofahrer über Winterreifen wissen sollten

Was Autofahrer über Winterreifen wissen sollten

Letzte Rettungsversuche für gestrandete Wale in Australien

Letzte Rettungsversuche für gestrandete Wale in Australien

Meistgelesene Artikel

Die Kunsthalle Bremen zeigt Max Beckmann

Die Kunsthalle Bremen zeigt Max Beckmann

Die Kunsthalle Bremen zeigt Max Beckmann
Intendant Ulrich Mokrusch: „Ich finde die Moderne spannender“

Intendant Ulrich Mokrusch: „Ich finde die Moderne spannender“

Intendant Ulrich Mokrusch: „Ich finde die Moderne spannender“

Kommentare