Ludger Rémy und Alberto Perl spielen sowohl für den Sendesaal als auch für Tonmeisterin Renate Wolter-Seevers

Doppelt geschenkte Tastenfarben

BREMEN (Eig. Ber.) n Wie schön, wenn von einem Geburtstagsgeschenk so viele profitieren dürfen: Ludger Rémy und Alberto Perl, zwei Tastenritter ganz verschiedener Natur, schenkten Renate Wolter-Seevers ein Konzert. Die Radio-Bremen-Tonmeisterin ist runde 50 geworden und wird in der Klassik-Szene geliebt.

Das Duo-Konzert schenkte Wolter-Seevers gleich weiter an den Verein „Freunde des Sendesaals“, die daraus eine Benefiz-Angelegenheit für die eigene Sache machten.

Die beiden Gäste kamen mit einigem Gepäck. Ein großer Bösendörfer-Flügel, ein ausgewachsenes Cembalo und ein Hammerflügel in Nussbaum bildeten auf dem Podium eine beeindruckende Instrumente-Front. Auch wenn dort lange nicht alle Instrumentengattungen standen, bildete das Trio das Motto „Die Farben der Tasteninstrumente“ doch einigermaßen repräsentativ ab: die stolze Strahlpracht des Barock, der zerbrechliche Ton des empfindsamen Zeitalters und die Kraft und Universalität der Moderne.

Ludger Rémy begann mit einem Problemstück: Er transkribierte Bachs 5. Cellosuite für Cembalo, ausdrücklich nur „als eine Deutungsmöglichkeit dieser Musik“, wie er vorausschickte. Eine solche Umarbeitung ist natürlich stets mehr als das: Sie ist ein größtmöglicher Eingriff, vor allem Transkriptionen von kleiner auf große Instrumentierung. Sie werden nicht, wie bei Reduktionen von groß auf klein, behutsam entkernt, sondern mit musikalischem Schaumstoff versehen. Oft genug steht das Werk am Ende dann da, als trüge es einen musikalischen Wonderbra – hübsch anzuhören, aber irgendwie stimmt es nicht.

Rémy ist das nicht passiert, seine grundfeste Verankerung in der Alten Musik ließ derlei nicht zu. Er arrangierte die Cellosuite nicht von der Technik, sondern vom ernsten Geist her. Einige Sätze, etwa die hinreißende Gavotte, waren am Ende derart cembalistisch, dass man sich das Original mit Cello kaum mehr vorstellen konnte – das ist wohl das größte Kompliment, das einer Transkription zu machen ist.

Tatsächlich brachte Rémy mit dieser Arbeit eine neue Deutung des Werks ins Spiel und die Erfahrung, dass Bach für den, der zum Kern dieser Musik vorgedrungen ist, tatsächlich universal ist. Rémys viele technische Unkonzentriertheiten standen dieser Erkenntnis nicht wirklich im Wege.

Eine halbe Epoche weiter, ein Instrument weiter: Mit einem Rondo und einer Fantasie aus Carl-Philipp Emanuel Bachs „Für Kenner und Liebhaber“ ging Rémy danach ins Rokoko. Nach Vater Bach hatten es diese Stücke allerdings schwer. Sie sind von seltsamer Sperrigkeit, stilistisch zwischen den Stühlen und auch innerlich weit von der Geschlossenheit J.S. Bachs entfernt. Die skurrile Eckigkeit der Werke und die so ganz andere Klangwelt des Hammerklaviers, die voller Brüche und entwaffnender Imperfektion ist, hatten dann aber doch ihren ganz eigenen Reiz.

Was für ein Sprung dann zum modernen Konzertflügel – selbst mit Haydns dezenten Andante con Variazioni f-Moll kam das Instrument nach dem Hammerflügel daher wie ein instrumentaler Bulldozer, zumal unter der Regie von Alfredo Perl. Seine klangliche und musikalische Intensität ist Legende, seine interpretatorische Kraft nicht nur im Forte spürbar. Auch Haydns fragil-eleganten Variationen profitierten davon. Perl zauberte in ihnen Ebenen und Innenbezüge, die vielleicht selbst Haydn noch nicht kannte – Perl spielte ihn ganz dicht an Mozart heran.

Für die abschließenden Händel-Variationen von Brahms musste er seinen pianistischen Duktus nicht ändern. Perls singuläre Kombination aus Vollblut-Ästhetik und einer ausufernden Contenance war auch hierfür die perfekte Sprache, die das Publikum staunend verstand.

Für dieses Finale und für Rémys vorher perlend cembalierten Variationssatz von Händel, gab es im Sendesaal üppigen Applaus, von dem ein bisschen auch der eigentlichen Gastgeberin Renate Wolter-Seevers gegolten haben durfte.

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