Tatjana Gürbaca im Interview

„Don Giovanni“ in Bremen: „Ein Suchender, ein Zweifelnder“

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Auf dem Gottesacker im Theater Bremen fließt morgen reichlich Kunstblut.

Bremen - Von Markus Wilks. Er ist wohl der bekannteste Frauenverführer in der Welt der Oper. Doch Don Giovanni auf seine Erfolge beim anderen Geschlecht zu reduzieren, ist eine starke Vereinfachung des Stoffes.

Tatjana Gürbaca spricht im Interview über ihre Sicht auf die Oper „Don Giovanni“ und über ihre Inszenierung – ihre fünfte Regiearbeit in Bremen nach „Le Grand Macabre“, „Eugen Onegin“, „Mazeppa“ und „Simplicius Simplicissimus“.

Zur Spielzeiteröffnung konnten wir im „Rosenkavalier“ mit dem Baron Ochs einen Schwerenöter der unangenehmen Art erleben, der seine Ziele auch mit Einsatz von Gewalt erreicht. Ist Ihr Don Giovanni im Vergleich dazu sympathischer?

Tatjana Gürbaca

Das Thema „Don Giovanni“ ist viel größer, als dass man die Titelfigur auf seinen Umgang mit Frauen reduzieren sollte. In ihr stecken viele andere Tabubrüche und Verstöße gegen die gesellschaftlichen Spielregeln. Er sucht die Grenzüberschreitung in den zwischenmenschlichen Begegnungen, provoziert, jagt dem Genuss hinterher, ohne ihn je zu finden, frisst, feiert und er fordert die Toten heraus. Don Giovanni ist ein Suchender und ein Zweifelnder, der eine innere Leere spürt und von permanenter Unruhe getrieben wird.

Welches Problem hat dieser Don Giovanni, dass er nicht so unauffällig leben kann wie die Menschen um ihn herum?

Mozart zeigt uns eine Figur, die über Geld und Zeit im Überfluss verfügt. Don Giovanni hat alles, kann alles und darf alles – und doch gähnt hinter allem Überfluss der Abgrund, eine unendliche existenzielle Leere. Verzweifelt sucht er danach, ob hinter den letzten Dingen noch etwas steckt und sich eine Sinnhaftigkeit des menschlichen Tuns ergibt. Es ist eine Sehnsucht danach, quasi hinter den Vorhang zu gucken und womöglich etwas Größeres wie Gott zu entdecken. Vielleicht sogar eine Sehnsucht danach, dass es so etwas wie ein göttliches Auge gibt, das Don Giovannis Verhalten bestraft.

Don Giovanni ist bekannt für seine Freveltaten und dafür, dass er seine Bräute gekränkt und verletzt zurücklässt. Warum lassen sich die Frauen dennoch auf ihn ein?

Jede Frauenfigur sucht in Don Giovanni etwas anderes. Damit ist er eine Projektionsfläche für unbeantwortete Sehnsüchte. Während die nicht mehr ganz junge Donna Elvira ganz pragmatisch einen Ehemann sucht, wird Donna Anna von einem ungestillten Verlangen beherrscht, das weder von ihrem Verlobten Don Ottavio noch von der starken Vaterfigur gestillt werden kann. Bei Don Giovanni spürt sie, dass es etwas, gibt, was ihre Sehnsüchte erfüllen könnte. Zerlina ist als authentisches Mädchen aus dem Dorf voll in die Konventionen eingebunden, was arrangierte Hochzeiten und Hierarchien zwischen Männern und Frauen einschließt. Sie spürt in Don Giovannis Gegenwart Freiheit und geht nach der Begegnung mit ihm den weitesten Weg.

Don Giovanni nutzt aber nicht nur die Gefühle der Frauen aus, sondern geht auch mit den Männern respektlos um. Das spürt insbesondere sein Diener Leporello.

Wobei dieser mit seinem Herren symbiotisch verbunden ist. Beide brauchen sich gegenseitig und sind fast so etwas wie siamesische Zwillinge, sodass die berühmte Szene mit dem Kostümtausch auch mehr als nur ein Handlungselement ist.

Viele größere Theater bündeln die drei Mozart-Opern, die auf einem Libretto von Lorenzo da Ponte basieren, zu einem „Da Ponte-Zyklus“. Versteht man „Don Giovanni“ besser, wenn man auch „Così fan tutte“ und „Le nozze di Figaro“ kennt?

Ja, das denke ich schon. Beispielsweise gibt es strukturelle Ähnlichkeiten hinsichtlich der Anordnung von Arien und bestimmten Handlungselementen, aber auch bei den Figuren. So spürt man eine Ähnlichkeit des Figaro-Grafen mit Don Giovanni, denn beide besitzen Geld, Zeit und Charisma im Überfluss, woraus sich ihre negativen Seiten und Handlungen begründen. Vor allem aber spielen alle Stücke in einer Zeitenwende, in der bestimmte moralische Fragen thematisiert werden. So ist „Don Giovanni“ kurz vor der französischen Revolution entstanden und wir erblicken sowohl „alte“ als auch moderne „Figuren“. Donna Elvira ist mit ihrer Dramatik und den Koloraturen auch musikalisch ein typischer Vertreter der alten Zeit, wohingegen ein Don Ottavio mit seinem liedhafteren Gesang und friedlichen Ideen für das Zeitalter der Aufklärung steht.

Wie wird die Bühne für „Don Giovanni“ aussehen?

Klaus Grünberg hat einen Raum entworfen, der die nächtliche Atmosphäre und die Todesassoziationen betont. Wir lassen an einer „Straße ins Nirgendwo“ und an einem Feld mit Kohlköpfen spielen – also eine Art Gottesacker, mit der Grube, in die wir alle einmal fahren werden. Ich habe das Gefühl, dass Mozarts Regieanweisungen eine starke Ähnlichkeit zu Verdis „Rigoletto“ haben, einem anderen Nachtstück: Es handelt sich um Anweisungen, die vom realen Raum auf die psychologische Verfassung der Figuren verweisen.

Im vergangenen Jahr haben Sie mit Regie-Studenten einen Meisterkurs zum Thema „Don Giovanni“ absolviert. Hat die Arbeit mit den Nachwuchs-Regisseuren ihren Blick auf diese Oper beeinflusst?

Auf jeden Fall. Die Arbeit mit den Studenten war anregend und hat mir neue Blicke auf das Stück gegeben. Sie müssen wissen, dass „Don Giovanni“ eine Oper ist, mit der man als Regisseur nie fertig wird. Ich kenne Hunderte Inszenierungen, von denen jede ihre Berechtigung hat, denn Mozart hat es meisterlich verstanden, Tragödie und Komödie zu kombinieren. Als Regisseur muss man sich in jeder Szene und bei fast jedem Wort entscheiden, in welche Richtung es geht, sodass eine Gesamtdeutung sehr unterschiedlich ausfallen kann und das Groteske ebenso seine Berechtigung hat wie das Komödiantische und Düstere.

Und nun sind Sie so weit, dass Sie das Stück auch inszenieren – in Bremen.

In der Tat wurde mir der „Don Giovanni“ schon oft angeboten, aber bislang habe ich aus Respekt immer abgelehnt, obwohl ich Mozart-Opern schon regelmäßig und sehr gerne inszeniere. Nun möchte ich aber, wobei das tolle schauspielerische Talent des Bremer Ensembles und die ungewöhnliche Arbeitsatmosphäre (alle Abteilungen denken und arbeiten vorzüglich mit) mir die Entscheidung zum „Don Giovanni“ leicht gemacht haben.

Die Premiere

Wolfgang Amadeus Mozart, „Don Giovanni“: Premiere ist Sonntag um 18 Uhr im Großen Haus im Theater am Goetheplatz. Musikalische Leitung: Hartmut Keil, Regie: Tatjana Gürbaca, Bühne: Klaus Grünberg, Kostüme: Silke Willrett

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