In der Erinnerung sieht alles schöner aus: Marikke Heinz-Hoek erkundet die Heimat

Dollart-Blues zur blauen Stunde

„Shade of blue“: Düstere Wolken über der Heimat.

Von Mareike BannaschBREMEN (Eig. Ber.) · Möwen schreien. Ein Kind klammert sich mit aller Kraft am Seil fest, stößt sich ab: Bungee-Trampolin am Meer. Der Wind jagt dichte Wolken über den Himmel. In starrer Kameraposition eine sportliche Hommage an die Heimat.

Heimat, was ist das überhaupt? Können auch Nichtmigranten davon sprechen?

Marikke Heinz-Hoek hat sich in ihrer neuen Ausstellung auf die Suche nach Antworten begeben: Mit Fotografie, Video und Zeichnung. Dreh- und Angelpunkt bleibt für die Künstlerin immer das Rheiderland, westlich der Ems in Ostfriesland gelegen. Dort verbrachte sie die ersten fünfzehn Jahre ihres Lebens. Und diesem Landstrich setzt sie nun in der neuen Ausstellung in der Städtischen Galerie Bremen ein Denkmal.

Acht Bilder hängen an der Wand. Der Blick geht über Dünen und auf den Strand hinaus. Vereinzelt sind Motorräder oder Wohnmobile zu sehen. Nur als schemenhafte Figuren – verzerrt und in blauem Licht. Die Reihe „Dollart-Blues“ zeigt die Landschaft der Meeresbucht zur blauen Stunde. Gegen Abend kommt der Strand zur Ruhe, die Touristen haben ihm den Rücken gekehrt. Durch den blauen Filter wirken die Bilder kalt, lassen sie den Betrachter frösteln. Kälte und menschenleere Natur vermitteln ein Gefühl des Verlorenseins und der Einsamkeit. Der Dollart am Abend ist keine gastfreundliche Gegend. Allerdings sind die Töne technisch verstärkt, Heinz-Hoek hat noch ein wenig am Computer nachgeholfen: Melancholie durch Technik.

In diese Stimmung passt „Shade of Blue“ an der Querwand. Tief hängende Wolken ziehen sich über den hohen Himmel, in Ostfriesland auch „Siebenachtel Himmel“ genannt. Das strahlende Blau wird verdrängt, unten macht sich ein schwarzer Streifen breit: ob Wasser oder Land, lässt sich nicht ausmachen. Ist auch unwichtig. Denn bedrohlich wirkt das Bild trotzdem. Zusammen mit dem blauen Himmel scheint alles Schöne zu weichen. Unheilvolles kündigt sich an. Doch was sagt das über die Heimat aus? Ist sie ein Ort, der insgeheim Angst macht? Wahrscheinlich schon. Doch in der Regel verblasst dies in der Erinnerung. Schwarz wird weiß, schlimmes wird schön. Wir belügen uns selbst. Marikke Heinz-Hoek bricht mit diesem Bild. Sie belässt die Landschaft stürmisch, nicht fassbar und bedrohlich. Das Ungewisse steht im Vordergrund. Heimat kann keine Sicherheit mehr vermitteln. Und arbeitet dadurch ihre eigentliche Schönheit heraus. Sie darf und soll Ecken und Kanten haben.

Auch die Legendenbildung hat ihren Platz in der Ausstellung. Zwei Vitrinen stehen auf einem Podest in der Mitte des Raumes. Darin: alte Börsen, Tücher und Stickereien. Ein aufgeschlagenes Buch berichtet über eine Legende. Doch in jedem Kasten ist auch die aktuelle Variante der Erinnerung zu sehen – eine CD-Rom. Dazwischen stehen Spinnrad, sowie uralte Waffelformen.

All diese Stücke sind Erinnerungen an eine ostfriesische Legende. „Quade Foelke“ war die Ehefrau des ostfriesischen Häuptlings Ocko I. tom Brok. Bis heute ist sie aber wegen ihrer angeblichen Brutalität bekannt. So soll sie ihren Schwiegersohn zur Ermordung der eigenen Tochter angestiftet haben, nur um später auch ihn und seinen Vater exekutieren zu lassen.

Die Mischung zwischen Vergangenheit und Gegenwart der Heimat porträtiert sich in den Werken einer Bilderwand. Hier zeigt Heinz-Hoek Momentaufnahmen aus ihrer Heimatstadt. Da treffen sich Motorradclubs im Licht der Straßenlaternen und drehen sich mit ihren Maschinen im Kreis. Dampf vernebelt die Sicht des Betrachters. Ein aufgeschlagenes Buch, auf dem eine Sonnenbrille liegt, zeugt vom letzten Urlaub. Pferdebilder vervollständigen das Porträt ländlicher Idylle. Überzeugend verbindet die Künstlerin persönliche Eindrücke mit alltäglichen Geschehnissen in der Stadt.

Heimat, das sind nicht nur alte Familienbilder, Kindheitserinnerungen und Legenden. Auch Straßenfeste, Motorradgangs und ruhige Nachmittage im Garten beeinflussen unser Bild. Da muss dann auch nicht immer alles schön akkurat sein. Dunkle Wolken und einsame Strände aus der Gegenwart sind genauso prägend. In der Erinnerung werden sie sowieso viel schöner aussehen.

Die Ausstellung „Siebenachtel Himmel (Heimatbilder)“ von Marikke Heinz-Hoek ist von 5. Dezember bis zum 16. Januar in der Städtischen Galerie Bremen zu sehen.

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