Comic-Preis für Ulli Lust in Erlangen

Doch wieder nur Männersache

Erlangen - Von Jan-Paul Koopmann. Wer glaubt, Rassismus gäbe es nur noch bei irgendwelchen Hinterwäldlern und die Unterdrückung der Frauen sei ein Problem von vorgestern, der sollte dieses Buch lesen. Und wer es besser weiß, politisch wachsam durch die Welt geht und glaubt, wir müssten einfach alle nur so ein kleines bisschen toleranter sein – der auch.

Denn Ulli Lusts Comic „Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein“ (Suhrkamp) zeigt, dass unser Miteinander und unser Denken doch etwas komplizierter sind. Es ist ihre Autobiografie. Wenn man so will: ein zweiter Teil davon, denn nachdem Ulli Lust vor ein paar Jahren mit „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ eine wichtige Episode ihrer Jugend erzählte, geht es im neuen Band nun um die Zeit als junge Erwachsene.

Stilistisch ist das Buch ausdifferenzierter und etwas ruhiger ausgefallen, dafür deutlich expliziter in den zahlreichen Sex-Szenen. Noch aufregender allerdings ist Lusts Schonungslosigkeit sich selbst gegenüber. Der titelstiftende Versuch, ein guter Mensch zu sein – er ist eben tatsächlich ein Versuch.

Vergangenes Wochenende hat Ulli Lust einen Preis für das Buch bekommen – nicht irgendeinen, sondern den renommierten Max-und-Moritz-Preis als „Bester deutscher Comic“. Und auch wenn das eine verdiente und erfreuliche Entscheidung war, hat es doch kein schönes Bild gemacht: Im (eigentlich sehr schönen) Markgrafentheater Erlangen saßen Ulli Lust und Sarah Burrini („Bester deutscher Comicstrip“) als zwei Frauen zwischen mehr als zehn Männern auf dem Honoriertensofa. Na gut, die Zählung ist ein bisschen unscharf. Erlangens Oberbürgermeister saß als Gastgeber mit drauf, und dass beim Gruppenpreis für die studentische Publikation „Paradies“ nur Männer auf die Bühne steigen, konnte auch wirklich keiner ahnen. Doch am Ende steht auch schwarz auf weiß: Von neun Preisen gingen dieses Jahr nur zwei an Frauen.

Bemerkenswert ist das auch, weil das Geschlecht der Künstlerin für ihre Geschichte alles andere als nebensächlich ist. Lust verhandelt in „Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein“ die Ansprüche, die auf ihr liegen: als junge Mutter, die ihr Kind bei den Großeltern auf dem Dorf aufwachsen lässt, während sie selbst versucht, sich in Wien als Künstlerin durchzuschlagen und Brotjobs vom Amt in den Wind schlägt. Dann lebt sie noch in einer Dreiecksbeziehung mit zwei Männern, von denen einer immer extremere Gewaltausbrüche veranstaltet, mit dem Küchenmesser herumfuchtelt, Türen einschlägt und sie als „weiße Nutte“ beschimpft, weil sie eben auch mit diesem anderen Freund schläft.

Opfer von Alltagsrassismus

Dass er selbst als Nigerianer Opfer von Alltagsrassismus ist, macht die Sache nicht besser, aber komplizierter. Das geht bis zur Polizei, die auf Übergriff und Morddrohung kaum reagiert, weil Lust körperlich unverletzt geblieben ist – sich dann aber kaum halten kann, als Lust damit rausrückt, dass der Typ außerdem keine Aufenthaltsberechtigung mehr hat. Es ist eine schwierige Geschichte über eine schwierige Welt, aber ohne erhobenen Zeigefinger. Es liegt am Publikum, sich zu all den Widersprüchen zu verhalten.

Wer so ein Buch zum besten deutschen Comic erklärt, dem lässt sich nur schwerlich mangelnde Sensibilität gegenüber gesellschaftlichen Problemlagen unterstellen. Dazu kommt, dass beim Comic-Salon zuvor weit mehr als die Hälfte der Preisträgerinnen Frauen waren und Moderatorin Hella von Sinnen sich bereits zu der Einschätzung hinreißen ließ, der deutsche Comic sei endlich weiblich geworden.

Und das ist er auch, wie ein Gang durch die Erlanger Messehallen bestätigt: Die überwältigende Mehrheit der ausstellenden Künstler sind Frauen. Dass aber der Publikumsandrang dort am größten ist, wo Männer signieren, hat weniger mit der Qualität der Bücher als mit dem Image der Künstlerperson zu tun. Dazu gehört die Präsenz auf Preisverleihungen – gerade auch da, wo es nicht um dezidierte Frauenthemen geht, sondern vielleicht auch einfach mal um gute Zeichnungen und gute Geschichten.

Und klar kann man sich jetzt hinstellen und sagen: „Vielleicht waren die Herren in diesem Jahr ja einfach wirklich zufällig besser.“ Aber so läuft es ja nicht. Bei ein paar Hundert Veröffentlichungen geht es doch immer um mehr als eine ohnehin nicht objektiv messbare Qualität. Da ist die Welt wie Ulli Lusts Comic: komplizierter.

Ulli Lust: „Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein“, Suhrkamp 2017, 367 Seiten, Klappenbroschur, 25 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Kunsthandwerkermarkt im Kreismuseum Syke

Kunsthandwerkermarkt im Kreismuseum Syke

Bio-BBQ in Weyhe

Bio-BBQ in Weyhe

Wie werde ich Bibliothekar/in?

Wie werde ich Bibliothekar/in?

Neue Opulenz und die gewohnte Schlichtheit im Trend

Neue Opulenz und die gewohnte Schlichtheit im Trend

Meistgelesene Artikel

„Macbeth“ mit Weltstars an der Berliner Staatsoper

„Macbeth“ mit Weltstars an der Berliner Staatsoper

„Der Untermieter“ in Bremerhaven: Trau keinem, der im Voraus zahlt

„Der Untermieter“ in Bremerhaven: Trau keinem, der im Voraus zahlt

Lokalmatadore Anchors & Hearts vor ihrem Hurricane-Debut

Lokalmatadore Anchors & Hearts vor ihrem Hurricane-Debut

Schweine sind auch nur Menschen

Schweine sind auch nur Menschen

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.