Stadttheater Bremerhaven zeigt Abend über Rio Reiser

Doch die Verhältnisse sind zu stabil

König von Deutschland: Rio Reiser (Henning Bäcker, v.) der Geist von Ulrike Meinhof (Sascha Maria Icks) und die Band. Foto: Heiko Sandelmann

Bremerhaven - Von Rolf Stein. Der berühmte Tisch in einem Fernsehstudio des WDR, er war dann doch zu stabil, um von Nikel Pallat mit der Axt zerlegt zu werden. Und ist damit ein hübsches Sinnbild für die Geschichte der Rockband Ton Steine Scherben, deren Manager Pallat eine Zeit lang war. 1970 in der Berliner Hausbesetzerszene gegründet, verstand sich die Band als so etwas wie der musikalische Arm der Studentenbewegung, der sie mit Songs wie „Keine Macht für Niemand“, „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ oder dem „Rauch-Haus-Song“ („Das ist unser Haus / Ihr kriegt uns hier nicht raus“) griffige Slogans und Melodien lieferte.

Heute müsste man wohl eher den Song „Der Traum ist aus“ zitieren, wenn es um das Erbe der Scherben geht. Wobei zumindest für den Sänger der Band, dem das Stadttheater Bremerhaven nun das Stück „Rio Reiser – Wer, wenn nicht wir?“ gewidmet hat, bald die Politik nicht mehr so wichtig war. Er wollte künstlerischen Erfolg – und auch den materiellen.

Ingo Putz, der in Bremerhaven schon das Leben der Edith Piaf auf die Bühne brachte, setzt mit seinem Reiser-Abend zum Zeitpunkt der Bandgründung an. Das unbedarfte Pärchen Gabi (Julia Lindhorst-Apfelthaler) und Hans (Dominik Lindhorst-Apfelthaler) schnuppert Berliner Luft und gerät mitten hinein in die Geschehnisse – der Schah-Besuch, der Tod von Benno Ohnesorg, die Gründung der Scherben.

Wie weit damals gesellschaftlicher Mainstream und gesellschaftlicher Aufbruch auseinanderlagen, wird in zeitgenössischen Projektionen deutlich, aber auch in den in Bremerhaven etwas klamaukig zugespitzten Einsätzen der Polizei. Dass die heute viel gescholtenen 68er immerhin ein wenig den Staub von 1 000 Jahren aufwirbelten, macht Putz, der das Stück auch geschrieben hat, immer wieder zum Thema, so auch, wenn Gabis Vater (Kay Krause) seine Tochter mit brachialer Autorität von der Scherben-Kommune in Fresenhagen wieder mit nach Hause nehmen will – und es nicht einmal eine bürgerliche Fassade gibt, die bröckeln könnte.

Ton Steine Scherben geraten bald selbst mit der Revolte in Widerspruch, die in Bremerhaven immer wieder als Ulrike (Meinhof im Sinn, verkörpert von der gewohnt überzeigenden Sascha Maria Icks) auftritt und mit Rio Zwiesprache hält. Die Politszene nimmt die Band zwar gern in Anspruch für Soli-Konzerte, gönnt den Musikern ihren Erfolg allerdings nicht, der sich ohnehin kaum finanziell niederschlägt. Als die Band sich 1985 endgültig auflöst, ist sie hoch verschuldet. Rio Reiser startet bekanntlich eine erfolgreiche Solo-Karriere. Seine Lieder werden persönlicher, wobei freilich seine Homosexualität, die er schon 1970 bekannt gemacht hatte, von ihm in den 80er-Jahren verstärkt thematisiert wird.

Wie schon gesagt: „Rio Reiser – Wer, wenn nicht wir?“ schreckt vor komödiantischen Zuspitzungen nicht zurück, Figuren wie Claudia Roth, einst Managerin der Band, oder Fan Paul Breitner sind hier beinahe als Karikaturen kenntlich gemacht. Aber Putz und dem spielfreudigen Ensemble gelingen auch sehr berührende Momente, Szenen, in denen Reisers Ringen um Liebe ausgelotet wird. Aber auch in Maskentheater-Bildern, die inspiriert sind von „Hoffmans Comic Teater“, das Reiser und seine Brüder vor den Scherben betrieben.

Dreh- und Angelpunkt des Abends ist aber natürlich die Hauptfigur. Und es ist alles andere als selbstverständlich, dass das Bremerhavener Ensemble da einen Schauspieler wie Henning Bäcker aufzubieten hat, der sich mit enormer Energie in Reiser einfühlt – und glücklicherweise der Versuchung widersteht, den gesanglichen Manierismen nacheifern zu wollen. Bäckers Interpretationen der Scherben-Songs klingen zwar glatter als die Originale, aber doch scheint es geradezu, als durchlebe er sie in diesem Moment.

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