Konzertfilm „Schumann at Pier 2“:

Doch ein Sinfoniker

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Paavo Järvi am Pult der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen.

Bremen - Von Rainer Beßling. Die Begeisterung ist dem Dirigenten ins Gesicht geschrieben: Wie der Komponist an dieser Stelle aus tiefster Versenkung, Sehnsucht und Trauer in furiosen Überschwang verfällt, das sei ein Aufbäumen ohnegleichen, ein Ruck, als zöge sich jemand mit Macht am eigenen Schopf aus der Melancholie.

Paavo Järvi schildert den Wechsel vom Herz zerreißenden Adagio zum rasenden finalen Allegro in Robert Schumanns Sinfonie Nr. 2 C-Dur. Mit den Worten des Dirigenten im Ohr klingt die Stelle noch einmal anders. Gehört hat man den Bruch schon, nun versteht man ihn besser.

Obwohl Schumann seine gesamte Sinfonie mit einem dichten Netz von motivischen und thematischen Verknüpfungen überzogen hat, durchbrechen immer wieder schroffe Szenen- und Stimmungswechsel das Gefüge. Dass er sich nur mit „Gewaltstreichen“ aus dem kompositorischen Prozess habe reißen können, in dem er sich vermeintlich zu verheddern drohte, wurde Schumann immer wieder vorgeworfen. Weit entfernt von der Stringenz Beethovens, das galt als vernichtender Richterspruch. Järvi verdeutlicht, dass sich Schumanns zerrissene Persönlichkeit und poetischen Ideen eigene Formen suchen mussten. Der Dirigent erhebt die Kontraste, das Abrupte und Grenzgängerische zum intensiven orchestralen Ereignis. Die Reibung von Form und Inhalt entfaltet sprühende Energie.

Zu hören und zu sehen sind Järvis Dirigat und Kommentar in dem Konzertfilm „Schumann at Pier2“. In einer ehemaligen Werfthalle haben die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen und ihr künstlerischer Leiter alle vier Sinfonien des Romantikers eingeprobt und aufgeführt. Regisseur Christian Berger hielt dies in einer ebenso mitreißenden wie gehaltvollen Dokumentation festgehalten.

Berger führte bereits bei der vielfach preisgekrönten Musikdokumentation „Das Beethoven-Projekt“ Regie. Erntete die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen schon mit ihrer Einspielung aller Beethoven-Sinfonien weltweit höchste Anerkennung, waren Publikum und Fachwelt nun entsprechend gespannt auf die Ergebnisse des „Schumann-Projekts“. Füllt Beethoven als Sinfoniker allerdings unbestritten den Rang des Übervaters ein, gilt Schumann immer noch als Problemfall im großen musikalischen Format.

Nietzsche hatte dem Romantiker einen „Hang zur stillen Lyrik und Trunkenboldigkeit des Gefühls“ attestiert. Der Dirigent Felix Weingartner setzte das hartnäckig weitergetragene Urteil in die Welt, Schumann habe es nicht verstanden, für das Orchester zu komponieren. Nicht zuletzt gegen solche Verdikte brachte Järvi das „Schumann-Projekt“ in Stellung.

Der estnische Dirigent und das Bremer Orchester erarbeiteten sich den neuen sinfonischen Kosmos über mehrere Jahre und präsentierten diesen in zahlreichen Konzerten. Die intensive Beschäftigung spiegelt sich in Bergers Film unmittelbar wider. In einen hellen leeren Raum platziert, präsentieren Musiker des Orchesters Parts ihrer Stimme und erläutern Funktion, spieltechnische Besonderheiten und Interpretationsansatz. Konzertmeister Florian Donderer beschreibt die instrumentalen Herausforderungen im 2. Satz der C-Dur-Sinfonie: rasend schnelle Streicherpassagen in halsbrecherischer Melodieführung. Pauker Stefan Rapp demonstriert die treibende Kraft eines entsprechend phrasierten Trommelwirbels. Rodrigo Blumenstock schildert die dramaturgische Rolle der Oboe.

Männer der Moderne

Das Herausschneiden und Einfügen der Instrumentalisten wirkt wie ein Zoomen in das Orchestergeschehen, ohne den musikalischen Fluss wirklich zu unterbrechen. Die Erläuterungen Järvis, der nicht nur ein kundiger und charismatischen Dirigent ist, sondern auch ein fesselnder Erzähler, sind nie Selbstinszenierung, sondern stehen ganz im Dienst der Musik.

Den Vorwurf, Schumann habe nicht für das Orchester schreiben können, kehrt Järvi um. Der üppige Orchesterapparat des späten 19. Jahrhunderts sei den Partituren übergestülpt worden. Eine Verdoppelung der Stimmen habe die feingliedrigen Strukturen und Motive überlagert. Järvi setzt in der Suche nach dem „Schumann-Klang“, definitiv eine anderer als der „Beethoven-Klang“, auf die richtige Balance bei größtmöglicher Transparenz. Zu dieser Luftigkeit, die größte Unmittelbarkeit des musikalischen Ausdrucks garantiert, gesellt sich eine bezwingende Rhythmik.

Schumann in seinen Konflikten, Widersprüchen und Extremen als Repräsentant der Moderne. Järvi als Garant für eine neue Sicht auf vermeintlich Vertrautes und als überzeugender Streiter gegen Vorurteile. In diesem besonderen Konzertfilm korrespondieren musikalisches Geschehen und Erläuterung, interpretatorische Praxis und Einfühlung in eine Komponistenpersönlichkeit ungewöhnlich eindringlich miteinander. Ein breites Publikum darf sich hier angesprochen fühlen. Die Filmästhetik und das Auftreten der agilen Protagonisten könnten auch jüngeren Zuschauern gefallen.

Schumann at Pier 2. Ein Konzertfilm von Christian Berger. DVD (Cmajor)

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